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Das Wohltemperierte Klavier

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28 Jun 2015 18:52 #363 von Klaus Schaaff
Wer "Das Wohltemperierte Klavier" gerne hat kann unter:




kostenfrei dort hören oder downloaden. Alle 48 Stücke wurden rein digital produziert (GEMAfrei). Ich weiß es gibt hunderte Interpretationen davon, würde Bach heute leben, hätte er das vielleicht so gespielt?

Klaus Schaaff

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03 Jul 2015 07:24 - 03 Jul 2015 07:26 #364 von Yo El Mismo
Hallo Klaus!

Nun, da bin ich mir nicht so sicher. Ich gehöre zu denen, die das WTK nicht nur mehrfach besitzen (mehr als ein Dutzend mal) von Glenn Gould über Angela Hewitt bis Koroliov und anderen, sondern der sich auch mit dem Phänomen der wohltemperierten Stimmung ausführlich auseinander gesetzt hat. Dazu gibt es mehr als einen Beitrag von mir hier im Forum.

Über die Jahre habe ich festgestellt, daß mein Favorit wechselt. Als ich noch jünger war, war mein Lieblingsinterpret nicht nur für das WTK sondern insbesondere auch für die Goldberg Variationen Glenn Gould. Heute favorisiere ich Evgeni Koroliov. Ich mag seine sehr klare, beseelte Interpretation. Du siehst: Es kommt nicht nur auf die Noten an. Die Seele muß sich angesprochen fühlen.

Gruß
Yo

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Letzte Änderung: 03 Jul 2015 07:26 von Yo El Mismo.

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04 Jul 2015 01:53 #365 von Klaus Schaaff
Hallo Yo,

deshalb das Fragezeichen am Schluss.
Nach 50 Jahren Beschäftigung mit Bach, fällt es mir selbst schwer einzuschätzen, ob das Ende meiner Optimierung dieses Werks, abgeschlossen sein kann.
Meine frühere Lieblingsversion war Sviatoslav Richter. Der Glenn Herbert Gould war bestimmt unter sehr vielen auch der Renner, der seinen unverwechselbaren Stil Bach aufgeprägt hat, mit Ausnahme seines ständigen Gejodels, hat er eine paar äußerst interessante Interpretationen geliefert. Von Gould habe ich mich auch inspirieren lassen.
Das schwierige ist, Bach stellt niedrige und aller höchste Ansprüche an Pianisten. Das hat immer wieder dazu geführt, dass von den ca. 180 Interpretation auf dem Markt, alle bisherigen Spielfehler, Interpretationsfehler oder qualitative Mängel des Instruments und der Aufnahmetechnik enthielten. Und die Seele, wie Du sagst, ist das Wichtigste! Die spielt mir manchmal den Streich, dass sie morgens anders ist als vorgestern. Hier gibt es Spielraum. In Indien bezeichnet man das musikalisch als Laya. Kunst des Vortrags in Abhängigkeit aller Einflusselemente: Instrument, Finger, Seele, Seele des Hörers, Akustik, Wetter usw.

In meinen Interpretationen soll gezeigt werden, dass Bach keine Nähmaschinenmusik ist, wie es viele Pianisten in ihrer Ausbildung lernen, sondern dass Bach die Exaltiertheit eines Beethovens schon kannte, wie die unvergleichliche Zartheit eines Chopins oder die Beseelung von Stimmen eines Händels, eben alles, hat er schon vorweg genommen, und viele sind ihm gefolgt.

Die Worte kommen zu dem, wie er sie hört, so auch die Musik (freie Interpretation aus Sprüche Salomos).

Grüße
Klaus Schaaff

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04 Jul 2015 09:02 - 04 Jul 2015 09:04 #366 von Yo El Mismo
Hallo Klaus!

Deine WTK-Einspielung läuft bei mir z.Zt. rauf und runter. Ich muß mich da erst einmal reinhören. Wie viel Seele hast du bei der Aufnahme des Werkes da reingepackt? Ich gehe mal stark davon aus, daß das was wir hören an verschiedenen Tagen zu verschiedenen Zeiten entstanden ist. So ging es mir auch mit Koroliov und seinen CD-Aufnahmen. Aber seitdem er hier in Hamburg Professor an der Musikhochschule ist, gibt er regelmäßig Konzerte und man kann ihn live erleben. Sozusagen das Werk in einem Stück und ungeschnitten. Auch da verbreitet er nicht immer den gleichen Spirit.

Ja, auch ich beschäftige mich mit Bach und seinem Werk mehr als ein halbes Jahrhundert. Das WTK habe ich das erste Mal von Dinu Lipatti in den 60ern gehört und war schwer beeindruckt - eine Einspielung mit sehr viel Herz und Seele. Sviatoslav Richters Aufnahme habe ich auch, hat viel Gefühl, ist mir aber zu romantisch. Und mit Romantik hatte Bach ja nun wirklich nichts am Hut. Außerdem steht ja wohl fest, daß jeder seinen eigenen Musikgeschmack hat, über den wir sehr wohl diskutieren aber nie streiten können. In diesem Sinne

Gruß
Yo

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Letzte Änderung: 04 Jul 2015 09:04 von Yo El Mismo. Begründung: Tippfehler

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04 Jul 2015 11:30 #367 von Klaus Schaaff
Hallo Yo,

Koroliov ist einer der Wenigen, der sich äußerst intensiv mit jedem Stück des WTK beschäftig hat. Dagegen hört man manchmal bei Richter, Hewitt oder Gould einzelne Stücke, die sich anhören, als würden sie vom Blatt gespielt (schlecht vorbereitet). Jahre später noch mal aufgenommen, sind die dann anders. Das hängt von vielem ab, von der Tagesform und ob die Marmelade beim Frühstück die richtige war. Was dann jemand anderes hört, ist genauso von vielen Dingen abhängig. Kognitive Wahrnehmung ist ein sehr komplizierter Vorgang. Bei mir ist es ähnlich wie bei Dir. Aus all den Vorlagen, die man heute hören kann, habe ich versucht das Beste herauszuziehen. Meine Betrachtung ist dann öfter, die eines Pianisten. Der Kollege sozusagen hört sofort, eben hat gerade ein Interpret kurz den Faden verloren oder die Finger nicht richtig sortiert. Manchmal auch, aber Hallo, die Noten stehen bei Bach nicht, aber trotzdem interessant.

Irgendwann fragt man sich, wie hätte den Bach das gespielt, auf was hätte er Wert gelegt. Hier denken viele, schade dass Bach uns keine Lehrwerke hinterlassen hat, wie das alles funktioniert, oder genauere Spielanweisungen. Aber das stimmt gar nicht, Bach hat uns sehr viel mehr hinterlassen. Das WTK oder die Inventionen sind Lehrwerke im besten Sinne mit einer ganzheitlichen Methode. Bach sagt nicht soundso macht man das, sondern hört einfach hin. Da liegt mir Einsteins Äußerung zu Bach sehr nahe: "Was ich zu Bachs Lebenswerk zu sagen habe: Hören, spielen, lieben, verehren und - das Maul halten!". Sicher kann man unendlich viel zu Bach sagen, warum eigentlich?

Die nachfolgenden Stilepochen als Gegenspieler Romantik und Wiener Klassik finden wir Bach nicht wieder, sondern als schon vorhanden. Einerseits durch seine Söhne, andererseits dadurch, dass jeder der ganz Großen auf Reisen immer eine Taschenpartitur vom WTK dabei hatte. Dort finden wir ganz unscheinbar die Abschlusstriller eines Mozarts, die im WTK exakt so schon vorhanden sind, da finden wir in der Spätromantik bei Mahler oder Bruckner die gleichen Entsprechungen. Bei Chopin lassen sich auch Inspirationen finden, Louis Spor, Beethoven, Weber, Hummel, Mendelsohn alle hatten eine Taschenpartitur vom WTK, ich auch. Bach wäre lange Zeit tot gewesen? Nicht bei den ganz Großen. Und es geht noch weiter das C#-Dur Präludium enthält in der Schlusseinleitung Synkopen, wie man sie nur aus dem Jazz kennt. Es gibt Entsprechungen im WTK, wo man meint das ist Debussy oder das ist Ravel. Man kann also sagen für viele Stilrichtungen hat Bach den Grundstein gelegt, mit Ausnahme Schönbergs Konzert für 3 Schreibmaschinen und ein Staubsauber.

Nur ein Beispiel für Entsprechungen, vergleichen wir Ravels G-Dur Klavierkonzert 2. Satz Adagio Assai mit der Fuge C#-Moll und die besonderen diatonischen unendlich langen Linien, deren Gefühl des unendlichen Flusses, kann man zwar nicht beweisen, Ravel hätte das als Vorlage genommen, aber jeder Pianist wird das ganz ruhig, getragen mit soviel Romantik versehen, dass die Funken sprühen. Das sind ganz natürliche Entsprechungen aus der Spielpraxis. Daher nehme ich an, Bach hätte vieles soundso gespielt. Ein anderer kann sagen, das ist eine rein subjektive Einschätzung (stimmt) meinerseits und es anders sehen.

Bach war von Anfang an ein Pragmatiker, in Sicht, er muss eine Familie davon ernähren. Bach hat sich deshalb stilistisch immer der Umgebung angepasst und in jedem Kompositionsstil (es gibt deren viele) versucht das Beste zu liefern. Schaut man sehr genau hin, sieht man sogar, es ist ihm nicht immer gelungen. Das WTK ist ein nicht ganz konsistentes Werk. Das sind ein paar darunter, die unter dem Motto geschrieben wurden, das machen wir jetzt noch voll, damit es 48 werden. Ein paar, die also nicht ganz den Schwung und das Mitreißen haben. Und dann noch ein paar ganz schwere Stücke. Schwer im Sinne von komplizierte harmonische Bewegungen, für den Laien (Ohr) sehr anspruchsvoll.

Das hörte sich jetzt fast als Kritik an. Aber ganz im Gegenteil, wer sich ernsthaft mit den schweren Stücken beschäftigt, wird sehen, was ist denn da d'rin versteckt, unglaublich - und wird sehr viel dabei gelernt haben.

Mit Verlaub, Herr Bach,
meine tiefste Verehrung!

Dir lieber Yo,
viel Spaß, wenn nur eine meiner Interpretation Dich erreicht hat, würde das mich freuen

Klaus Schaaff

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04 Jul 2015 15:20 #368 von Yo El Mismo
Hallo Klaus!

Wie gut, daß es heute sehr heiß draußen ist (35°C). Da komme ich doch mal wieder zum schreiben im jsba.ch-Forum. Interessant finde ich deine Aufzählungen und Verweise auf Bachsche Einflüsse auf die Musik späterer Komponisten. Genau über dieses Thema hatte ich vor ungefähr 10 Jahren in diesem Forum geschrieben unter der Überschrift:
Bachs 255. Todestag am 28.07.05
Link: www.jsba.ch/joomla15/forum/topic.html?id=119
Damals hatte sich ein gewisser Klaus ebenfalls mit einem Beitrag zu Wort gemeldet. Warst du das?

Gruß
Yo

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