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WTK und Goldberg-Variationen, Teil 1

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29 Nov 2015 11:04 - 29 Nov 2015 11:05 #456 von Yo El Mismo
Liebe Bachfreunde!

Vor einigen Wochen waren das Thema von Klaus die 48 Präludien und Fugen aus dem Wohltemperierten Klavier (WTK), deren Teil I Bach 1722 und Teil II 1740/42 fertig stellte. Heute will ich hier nicht über die Herstellung einer wohltemperierten Stimmung schreiben, sondern wie ich diese Exerzitien für junge Pianisten lieben lernte.

Lange vor Youtube musste man sich Schallplatten kaufen, um diesen Stücken als Nicht-Klavierspieler näher kommen zu können. Bei mir waren das Aufnahmen mit Rosalyn Tureck, eine 1914 in Chicago geborene Amerikanerin. Ihre Art zu spielen gefiel mir besonders gut und schlug alle Pianisten-Konkurrenten aus deutschen Landen. Die strenge Ausbildung an der New Yorker Julliard School of Music führte bei ihr gleichzeitig zu einer absoluten Exaktheit aber auch scheinbaren Leichtigkeit der Interpretation. Bachs strenge Durchdeklinierung der 24 Satzpaare aus je einem Präludium und einer Fuge in allen Dur- und Molltonarten chromatisch aufsteigend angeordnet von C-Dur bis h-Moll kamen bei ihr mit großer Einfachheit daher. Nichts war kompliziert, alles war für mich zu der Zeit durchschaubar. Für einen jungen Anfänger in Sachen Bach war sie genau die Richtige. Natürlich habe ich die Platten rauf und runter gehört, wohl einige hundert Mal. Und selbstverständlich kaufte ich später auch ihre Einspielung der Goldberg-Variationen.

Glenn Gould soll gesagt haben, dass er von niemandem in seinem Klavierspiel nachhaltig beeinflusst worden sei, auf intensive Nachfrage aber zugab, dass Rosalyn Turecks Art zu spielen vorbildhaft für seinen eigenen Interpretationsstil gewesen sei. Das habe ich bis heute nicht verstanden. Denn wenn einer die Individualität der Interpretation aufs äußerste ausgekostet hat, dann Glenn Gould.



Viele Jahre später hörte ich das WTK, gespielt von Edwin Fischer, 1886 in Basel geboren. Wenn ich ihm schon Anfang der 60iger „begegnet“ wäre, hätte ich seine Aufnahmen denen von Rosalyn Tureck vorgezogen. Aber in „meinem“ Plattenladen war Edwin Fischer zu der Zeit keine bekannte Größe. Das lag vielleicht auch daran, dass er bereits 1960 verstorben war. Seine Aufnahmen haben mich mit ihrem Schwung mitgerissen und es wundert mich nicht, dass die Liste seiner berühmten Schüler nahezu endlos ist. Hier nur einige wenige: Helena Sá e Costa, Paul Badura-Skoda, Daniel Barenboim, Alfred Brendel, Jörg Demus, Conrad Hansen, Grete Sultan, Detlef Kraus, Sebastian Benda, Gernot Kahl, Harry Datyner und viele mehr.
Fischer war der erste Pianist, der das gesamte WTK für eine Schallplattenaufnahme zwischen 1933 und 1936 einspielte. Außerdem verfasste er eine Studie über J. S. Bach, dessen Klavierwerke er neu herausgab. Seine Einstellung zu seiner Kunst geht aus einer Bemerkung hervor, die in seinen Musikalischen Betrachtungen erwähnt ist: „Nicht ich spiele, es spielt.“



Liebe Grüße
Yo

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Letzte Änderung: 29 Nov 2015 11:05 von Yo El Mismo.

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