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WTK und Goldberg-Variationen, Teil 2

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29 Nov 2015 11:13 - 08 Dez 2015 23:58 #457 von Yo El Mismo
Liebe Bachfreunde!

Hier nun der 2. Teil meiner persönlichen Erfahrungen mit Bachs "Clavierwerken":
Natürlich komme auch ich nicht an Glenn Gould vorbei, geb. 1932 in Toronto, Ontario, Kanada. Meine wilden Jahre fallen in diese Zeit, Ende der 60iger, genau gesagt 1968. Die Oster-Demonstrationen 1968 in Berlin und das Hören von Goulds erster Einspielung der Goldberg-Variationen fallen bei mir auf einen Tag. Von da an war Gould und seine Art Bach zu interpretieren mein Fixstern. Schluss war es mit genau abgemessener Rhythmik - Wildheit und außergewöhnliches Taktgefühl waren Trumpf. Sein ständiges Summen hat mich nur am Anfang gestört, später empfand ich es als Markenzeichen. Schuld an dieser Marotte war seine Mutter Florence „Flora“ Gold. Bei ihr erlernte Gould bereits ab seinem dritten Lebensjahr das Klavierspiel und Notenlesen. Sie wollte, dass ihr Kind ein Musiker würde und hat Glenn sieben Jahre lang unterrichtet und erwartete von ihm, dass er beim Spielen sang. Diese Gewohnheit konnte er später nur sehr schwer ablegen. Eine andere Marotte hat Gould ebenfalls aus jungen Jahren übernommen, die Zeit seiner sehr profunden Ausbildung: Ab seinem zehnten Lebensjahr besuchte er das Royal Conservatory of Music in Toronto. Dort studierte er Klavier bei Alberto Guerrero. Der saß sehr tief am Klavier und nah an den Tasten, was Gould ebenfalls übernahm. Daher nahm er als Erwachsener stets einen Klavierstuhl, der aussah wie ein billiger Klappstuhl, mit 33 cm Sitzhöhe bei seinen Auftritten mit. Ein normaler Klavierstuhl ist 51 bis 60 cm hoch. Allein das Aufstellen des Stuhls, kurz vor Konzertbeginn, durch Gould produzierte manchen Lacher und wurde von den Nichtkennern mit Erstaunen zur Kenntnis genommen. Diese Lacher haben Gould nicht gefallen und ich bin mir fast sicher, dass sie mit dazu beigetragen haben, dass Glenn sich schon Anfang der 60er aus dem Konzertbetrieb zurückzog. Seine Begründung war, dass er den Auftritt eines einzelnen Künstlers vor einer großen Menschenmenge für den Künstler als unwürdig und für die Musik als ungeeignet erachtete.
Von nun an konzentrierte sich Gould auf Schallplattenaufnahmen. Es entstand die berühmte erste Studio-Aufnahme von Bachs Goldberg-Variationen. Ein bereits 1954 von der kanadischen Rundfunkgesellschaft CBC aufgenommener Live-Mitschnitt des Werks wurde erst Jahrzehnte später auf CD veröffentlicht. 1982, nur wenige Monate nach Erscheinen seiner zweiten Studioaufnahme der Goldberg-Variationen und neun Tage nach seinem 50. Geburtstag, starb Gould an den Folgen eines Schlaganfalls. Den Erfolg dieser zweiten Aufnahme konnte er nicht mehr miterleben.



Es folgten die Jahre meiner größten beruflichen Anstrengung und Auslastung bis an die hundert Prozent. Für Bach war kaum noch Zeit. Und doch habe ich ihn auf meinen Reisen durch den südamerikanischen Riesenkontinent gesucht und an vielen Stellen gefunden. Sei es bei den Indios im bolivianischen Teil des Amazonasbeckens, bei den Indios in der „Lost World“ auf dem Guayana-Tafelberg-Hochland Venezuelas oder in der brasilianischen Barockstadt Ouro Preto (Schwarzes Gold). Ich habe über die drei Orte hier im Forum geschrieben. Erst mit der Rückkehr nach Deutschland trat wieder der Normalzustand ein und ich suchte mir eine angenehme „Partnerin“ für das WTK und die Goldberg-Variationen. Immer noch hatte ich Edwin Fischers Aufnahmen im Ohr und fand Angela Hewitt.



Ihre Aufnahmen bei Youtube z.B. Präludium & Fuge No. 24 in h-Moll, BWV 893, geben einen Eindruck von ihrer „leichten“ Art zu spielen, die mir angenehm ist. Wenn mir nach etwas „Schwere“ zumute ist, gehe ich ins Konzert mit Evgeni Koroliov. Der spielt auch sehr schön, ist aber immer so ernst. Da wird jeder Ton mit einer großen Bedeutsamkeit aufgeladen. Manchmal schön, manchmal weniger.

Liebe Grüße
Yo

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Letzte Änderung: 08 Dez 2015 23:58 von Yo El Mismo.

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30 Nov 2015 19:09 #458 von Klaus Schaaff
Grüß Dich Yo,

Deine Bach Memoiren gefallen mir sehr gut. Sie beschreiben sehr treffend, wie sich dass Bachbild durch innere und äußere Einflüsse wandeln kann. Meine erste südamerikanische Bach-Bekanntschaft war mit Heitor Villa-Lobos: Bachianas Brasileiras. Die südamerikanische Musik hat sich immer wieder von Bach inspirieren lassen.

Bei mir ist es gerade die Beschäftigung mit einem authentischen (???) Bach.



und




Diese Aufnahmen wurden, glaube ich, auf einem originalen Harpsichord (made by Olivier Fadini after Francois Blanchet 1733) aus der Zeit von Bach gespielt. Das muss nicht der Weisheit letzter Schluss sein, auf einem Flügel kann man Bach auch sehr gut genießen. Das Harpsichord Instrument bringt hier Nuancen der Spielweise (etwas langsamer) und Klang zum tragen, die eine andere Wirkung hinterlassen. So wie auch jeder Interpret am Flügel eine andere Wirkung hinterlassen kann.

Wer einen einigermaßen kompletten Überblick 1928-2015 über alle Einspielungen des WTK braucht, dem kann ich empfehlen:

www.bach-cantatas.com/NVD/BWV846-869-Rec1.htm


Viele Grüße
Klaus Schaaff

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03 Dez 2015 16:39 #459 von Yo El Mismo
Hallo Klaus!

Olivier Fadini lebt und arbeitet in Paris:
www.translate.com/french/olivier-fadini-harpsichord-maker-and-restorer-fortepiano-109-rue-du-bac-75007-paris-france-olivierf/39929021
Er baut Cembali nach alten Vorbildern und restauriert auch antike Cembali. Halt ein Experte.

Über die große Wanda Landowska habe ich vor vielen Jahren hier im Forum geschrieben, kann den Beitrag aber nicht wiederfinden. Sie hat das Cembalo wieder aus der Versenkung geholt. Ihr verdanken wir, daß einige große Cembalisten es ihr nachgemacht haben und wir heute eine große Auswahl an hörenswerten Bachaufnahmen auf diesem Instrument haben.



Gruß
Yo

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03 Dez 2015 18:59 - 03 Dez 2015 23:01 #460 von Klaus Schaaff
Hallo Yo,

da habe ich wohl zu flüchtig gelesen, dank deines Hinweis wird das "made by Olivier Fadini after Francois Blanchet 1733" als Nachbau klar. Mehr als Du, finde ich leider zu Oliver Fadini nicht.

Was mich aufhören ließ, war der Name Blanchet, den kannte ich schon. Ich habe mir mal den Soundfont Cembalo-Blanchet 1720 von:

sonimusicae.free.fr/blanchet1-en.html

heruntergeladen und hier hieß es, der sei vom original Cembalo (Harpsichord). Dann habe ich mir die historische Instrumentensammlung im Deutschen Museum (München) angesehen und mich gewundert, dass die alten Instrumente nach so langer Zeit vollkommen unbrauchbar waren, nicht so wie eine Stradivari. In den langen Jahren mit Musik haben sich hier einige meiner Überzeugen stark geändert. So hieß es beim Kauf meiner ersten Konzertgitarre, diese würde Ihren Klang erst noch entwickeln. Das hat sie auch, aber nach 10 Jahren war sie abgespielt und hat so viel Bässe entwickelt, dass sie unbrauchbar wurde. Ein Erbstück (nicht meines) Bösendorfer 1905 war das reinste Klappergestell. Man kann das nur aufhalten, wenn man sehr viel Geld hat. So war irgendwann meine Entscheidung, nur noch digital. Kein Klavierstimmer mehr, gleichbleibende Qualität, aber ein Verlust an Seele.

Jedenfalls sind für mich diese alten Instrumente eine Bereicherung um Bach und die Epoche besser zu verstehen. Da Bach aber auch für Orgel, Violine, Bratsche, Cello, Laute und vieles mehr geschrieben hat, und seine Werke auf fast allen Instrumenten klingen, ahne ich nur, dass seine Kompositionstechnik sehr universell ist.


Liebe Grüße
Klaus Schaaff
Letzte Änderung: 03 Dez 2015 23:01 von Klaus Schaaff . Begründung: Korrektur

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