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Polyphone Unabhängigkeit in Bachs Kompositione

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13 Dez 2015 17:00 #505 von Christof Rimle
... oder «Welche Werke von Bach klingen auch dann noch gut, wenn man die Solostimme weglässt und nur die Begleitung spielt?»

Wie mit Klaus vereinbart eröffne ich einen separaten Thread zu diesem Thema.

Was wir schon hatten (eben erst im Sonntagsgottesdienst gespielt):
«Bereite dich, Zion...» aus dem Weihnachtsoratorium BWV 248-I

Ein zweites Beispiel aus meiner Praxis:
«Gott hat alles wohl gemacht» aus der Kantate BWV 35

Hier eine hübsche Transkription:

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13 Dez 2015 18:35 - 14 Dez 2015 11:06 #506 von Klaus Schaaff
Hallo Christof,

"Gott hat alles wohl gemacht" habe ich noch nie gehört und ist wunderschön. Es ist eine Ausnahmeerscheinung bei Bach. Ich habe schon mal gesagt, da gibt es den traditionellen Gesangbuchsatz 4-5-stimmig. Natürlich hat Bach den auch geschrieben. Es verhält sich ein bisschen ähnlich mit dem heutigen Gospel. Es erzählte mir ein Gospelpianist mal die Unterschiede. Begleitet man in einer weißen Kirche Gospel muss man ihn weiß spielen, da das Publikum Hörgewohnheiten hat, die nicht enttäuscht werden dürfen. Spielt man aber Gospel in einer afroamerikanischen Gemeinde, dann müssen Blue Notes und Swing rein, denn das kennt man dort.

Nun, was macht Bach, ab und zu entfernt er sich vom Traditionellen und bietet der Gemeinde mal was mit künstlerischem Anspruch an. Etwas aus der Zeit von Köthen, wo Bach herkommt. Etwas, was nicht das übliche ist, sondern wo 2 Stimmen konzertant umeinander spielen, verspielt sind, fast nach den Regeln seiner Inventionen. Das war nicht das Übliche, was man in den Kirchen zu hören bekam.

Die Grundregel eines jeden Kontrapunkts beachtend: Jede Stimme muss für sich allein klingen können und eine Geschlossenheit darstellen. Da kann man nicht einfach ein paar Noten gegeneinander stellen, denn die Stimmen müssen jede einzeln Sinn erhalten. Die Stimmen sprechen mit einander, wie in einem Gespräch. Sie wechseln sich ab. Sie fragen, sie antworten. Ist dieser Grundsatz erfüllt, kann man sogar jede Stimme vollkommen allein spielen, oder nur zwei davon. Für mich ist das WTK und die Inventionen das Lehrbuch für alles, was man im Barock alles machen kann.

Letzte Woche habe ich Prä Bb-Moll BWV 867 untersucht:




ein Stück, was ähnlich heraussticht, das es im Grunde nur eine Hauptstimme hat. Ich habe alle anderen akkordischen Töne entfernt, bis nur noch eine Stimme übrig blieb, die für sich allein klingt.

Den Höhepunkt, auf die Spitze getrieben, dieses Könnens zeigt Bach uns mit seinen Soloviolinstücken oder der Chaconne. Nun, hier macht Bach eine einzelne Stimme polyphon. Bach hat alles wohl gemacht ... nö, doch nicht alles. Einmal habe ich im Radio eine Grabmusik von Bach gehört, mit 1 Trompete, 2 Geigen und weiß der Geier was noch. Schlimmer als in jedem italienischen Bauerndorf, wo die Instrumente immer so schön verstimmt sind.


Damit ist aber noch nicht alles ergründet. Ich freue mich auf weiteres.


Liebe Grüße
Klaus Schaaff
Letzte Änderung: 14 Dez 2015 11:06 von Klaus Schaaff . Begründung: Korrektur

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13 Dez 2015 19:47 - 14 Dez 2015 11:00 #508 von Klaus Schaaff
Hi Christof,

ich mach mal weiter. 1984 habe ich Air für 2 Gitarren gesetzt. Mit einem Gitarrenkumpel habe ich das dann zusammen auf Vernissagen gespielt. Toll, war das ...

Air ist von Grund auf 4-stimmig. Diese Stimmen auf zwei Gitarren zu verteilen, war gar nicht mal schwer. Erst später habe ich mich gefragt, geht das auch auf einer Gitarre?





Klar, geht das. Kindgren spielt nur ca. 30% der Mittelstimmen, wo sie wichtig werden. Sonst tragend ist hauptsächlich Bass und obere Stimme. Das genügt vollkommen als Auszug und dem Stück fehlt nichts. Natürlich ist da ein Karajan was anderes. Für den kleinen Raum genügen aber schon 2 von 4 Stimmen.

Das ist jetzt ein neuer Aspekt. Man macht ein Exzerpt aus einem Bachstück. Nur das Wichtigste davon. Ich bin mir sicher, Du als Organist kennst das. Das macht auch Laune, wenn man aus einem Bachstück etwas Eigenes machen kann. Damit wird Bach verinnerlicht, wenn man ihn spielt, wie man es selbst fühlt.


Grüße
Klaus Schaaff
Letzte Änderung: 14 Dez 2015 11:00 von Klaus Schaaff . Begründung: Korrektur

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13 Dez 2015 20:36 - 14 Dez 2015 10:59 #509 von Klaus Schaaff
Hi Christof,

und weiter ... was macht denn Bach anders?

Johann Caspar Ferdinand Fischer wird angeführt, dass er vor Bach in Ariadne Musica 20 Fugen und Präludien in temperierten Tonarten vorstellt. Hier mal das erste Präludium und Fuge in C





Ich möchte mich auf die Fuge beschränken. Sind da die Stimmen unabhängig? Ergänzen sie sich mit Sinn? Oder ist da eine Stimme von der anderen abhängig? Im Prinzip, ich möchte dem Herrn nicht zu nahe treten, das ist eine Schulfuge, so weit wie meine Fähigkeiten Fugen zu schreiben reichen. Vergleicht man das mit Bach, so sehe ich, dass Bach eine eigene ganz neue Kunstform daraus entwickelt hat. Mit eigenen Gesetzmäßigkeiten, die alles was vorher da war, wie mit einer Betonwalze überrollt hat. Kein Wunder, dass sich nach Bach kaum noch jemand an Fugen wagen wollte.

Vielleicht, wenn man mal die Unterschiede Bach-Fischer nebeneinanderstellt, gewinnt man einen Eindruck in welcher Liga Bach spielt und wo Fischer. Man lernt was Bach anderes macht, was viel universeller gehört werden kann. Was Fischer in 4 Stimmen macht, macht Bach in einer. Für mich ist es unfassbar, dass Bach als Kantor 3. Wahl war! Welche Arroganz? Welche Borniertheit? Das nehme ich der Stadt Leipzig heute noch übel. Wäre es eine legitime Forderung, die sollten sich mal, wie Bach dort behandelt wurde, davon distanzieren? Das wollte ich mal sagen.

Zur Ehrenrettung Fischers: Diese Fuge kann durchaus in einem Gottesdienst gespielt werden. Ich hätte da nichts dagegen. Es muss ja auch nicht immer Hochleistungssport sein und Abwechslung tut gut.


Liebe Grüße
Klaus Schaaff
Letzte Änderung: 14 Dez 2015 10:59 von Klaus Schaaff . Begründung: Korrektur

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14 Dez 2015 14:07 #514 von Klaus Schaaff
Hi Christof,

es geht noch was ...

Wie ging es bei mir mit Air weiter? Da gibt es Eigenschaften, die in einer Bachkomposition versteckt sind. Noten, die die eigentliche Komposition gar nicht enthält und doch da sind, aber wichtig sind für den Aufbau. Was passiert mit dem tonalen Zentrum bei Bach? Wie macht er das?





Die Skalen, die hinter einem Bachstück stehen, bestimmen den tonalen Verlauf. Würde Bach nur bei einer Skala bleiben, wäre das für den Zuhörer schnell langweilig. Selbst hier überlässt Bach das nicht dem Zufall, sondern gibt dem Ganzen eine Gestalt.

In weiterer Betrachtung stelle ich fest, das bedingt bei Bach, dass die Noten wie in Stein gemeißelt werden. Jede einzelne Note wird von mehreren Seiten untermauert, was am Ende zu einem äußerst stabilen Fundament führt. Keine Note ist mehr austauschbar. Jede Note bezieht sich auf vordergründige und hintergründige Strukturen. Jede Note kann dann für sich allein stehen und hat Sinn.

Aber, es geht noch weiter mit Air. Bach ist wandelbar. Die Melodien können neu harmonisiert werden oder in andere Rhythmen gestellt werden. Beste Vertreter hierfür sind Jacques Loussier oder Ekseption. Mich hat das auch mal erfasst. Was kann man mit der Air noch alles anfangen? Das Ergebnis ist hier:






Hier steigen einige Bach Puristen vielleicht aus. Das muss auch nicht jeder mögen. Ziel war es, in jedem Abschnitt die Hauptmelodie dazu singen zu können.


Liebe Grüße
Klaus Schaaff

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15 Dez 2015 13:40 - 15 Dez 2015 15:54 #517 von Klaus Schaaff
Hallo Christof,

der traditionelle Gesangbuchsatz, habe ich oben so betitelt, was ihn geringschätzend erscheinen ließ. Diesen Eindruck möchte ich aber nicht entstehen lassen. Es bezog sich auf Hörgewohnheiten, wie man den Gottesdienst und dessen Musik kennt. Streng genommen war der Begriff Gesangbuchsatz sehr flapsig gewählt von mir. Das geistliche Lied im Gesangbuch ist allgemein nur einstimmig. Mehrstimmiger Choralsatz wäre treffender und dieser ist im Grunde genauso anspruchsvoll, will man so etwas komponieren. Er ist nur etwas älter als die Barockepoche und in der Kirchenmusik öfter anzutreffen. Bach gestaltet auch hier in Vollkommenheit dieses Genre.

Passend, da das Thema schon da war, habe ich aus BWV 56 Ich will den Kreuzstab tragen den Choral 5 Komm, o Tod, du Schlafes Bruder ausgesucht:





Ich liebe diese traditionelle Form genauso, wie die konzertante Musik Bachs. Nur Fachmann bin ich dafür nicht, da ist Christof und Yo mir voraus. Ich frage mich trotzdem, was macht Bach da?

Die Noten, die im Video zu sehen sind, fassen in den oberen 4 Systemen den Gesang zusammen und im unteren Doppelsystem ist die Begleitung. Das Original sieht aber anders aus. Dort gibt es jede einzelne Stimme getrennt. Das Video zeigt aber auch alles. Bach schreibt für Sopran und Violine die gleiche Stimme. Bei den anderen Stimmen genauso. Im Prinzip ist es nur ein 4-stimmiger Satz. Nimmt man nur die Begleitung, wie sie hier zusammengefasst wurde, enthält sie den ganzen Satz und kann ohne Chor gespielt werden. Da ist das Prinzip des Organisten. Er spielt einen Satz vor und dann setzt die Gemeinde mit Gesang ein. Aber wem sage ich das? Mir ging es hauptsächlich darum, dass Bach auch hier höchste Ansprüche erfüllt, ohne dass ich ad hoc sagen könnte warum. Es ist einfach schön!

Nachtrag:
Ich habe mal die ersten 12 Kantaten überflogen, speziell nach Deinem Schema, wo kann man einfach eine Solostimme weglassen:

BWV 1 Nr. 3 Aria
BWV 2 Nr. 3 Aria
BWV 4 Nr. 3 Versus
BWV 5 Nr. 3 Aria
BWV 6 Nr. 2 Aria
BWV 6 Nr. 3 Choral
BWV 7 Nr. 2 Aria
BWV 9 Nr. 3 Aria
BWV 12 Nr. 6 Aria

Es zeichnet sich ein Muster ab, wo fast immer der Typ Aria sich eignet. Nach den Noten sind es meist Continuo mit 2 Solostimmen, wobei eine entfallen kann und das Stück trotzdem klingt. Continuo mit 1 Solostimme (Oboe) sollte allein auf der Orgel spielbar sein.


Liebe Grüße
Klaus Schaaff
Letzte Änderung: 15 Dez 2015 15:54 von Klaus Schaaff . Begründung: Korrektur

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