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Soap Opera in Sanssouci

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22 Okt 2015 22:43 #438 von Klaus Schaaff
Liebe Bachfreunde, Soap Opera in Sanssouci,

aufgefallen ist mir Christoph Nichelmann, er war einer der vielen Bachschüler. Um 1730 trat er als 13 jähriger in die Thomasschule zu Leipzig ein, wo er wahrscheinlich von Bach persönlich zum Unterricht an seinen Sohn Wilhelm Friedemann Bach für Klavierspiel und Komposition weitergereicht wurde. Schon 3 Jahre später ging er nach Hamburg, um die modernen Stile bei Reinhard Keiser, Georg Philipp Telemann und Johann Mattheson zu lernen. 1739 war er wieder in Berlin bei Johann Joachim Quantz und Carl Heinrich Graun, dann wieder in Hamburg und 1744 wurde er als 2.Cembalist von Friedrich dem Großen an den Hof berufen, und hier beginnt eine verwickelte Geschichte.

Sicher war Nichelmann ein gefragter Cembalist und wurde von Quantz und Graun dem König schon länger empfohlen. Seltsam war nur dass der 1. Cembalist Carl Philip Emanuel Bach war und dieser ein Gehalt von 300 Reichstalern empfing, während Nichelmann 500 Reichstaler erhalten sollte. Zum Vergleich erhielt Graun als Kapellmeister 2000 Taler oder die Barbarini (Sängerin) 3000 Taler. Diese Jahresgehälter verdeutlichen den Stellenwert C.P.E.Bachs am Hofe. Man kann sich denken, dass das persönliche Verhältnis zwischen C.P.E.Bach und Nichelmann von Anfang an konkurrierend und vom König so gestaltet war.

Der Bachsohn beschwerte sich mehrmals über das magere Gehalt beim Kämmerer, und dass andere mehr vergütet bekamen als er. Friedrich II. ließ ihn zappeln über Jahre. Von 300 Taler im Jahr konnte C.P.E.Bach keine Familie mit 3 Kindern ernähren und das, obwohl C.P.E.Bach einen ausgezeichneten Ruf in Berlin genoss mit Solo-Konzerten, die er gab.

In diese Zeit fällt auch der Besuch des alten Bachs am 7.Mai 1747 bei Friedrich dem Großen. Darüber wurde damals in den Zeitungen berichtet und die Begegnung auch danach immer wieder beleuchtet. Es gibt unterschiedliche Sichtweisen, einerseits eine glorifizierende Version, zwei Könige treffen aufeinander mit gegenseitigem Respekt füreinander, andererseits verlangte der König vom alten Bach unmögliches, eine 6-stimmige Fuge, auf ein vom König vorgegebenes Thema zu improvisieren. Diese Forderung sehen einige als Absicht den alten Bach vorzuführen, der sich danach veranlasst sah das "Musikalische Opfer" nachträglich vorzulegen.

Fakt ist, dass am Hofe Friedrichs der moderne Stil gepflegt wurde, und dass Johann Sebastian Bach ein Vertreter des alten Stils war. Auch wird berichtet, dass es am Hofe zu der Zeit etliche Querelen unter den Hofmusikern gab, so dass man sich eher vorstellen kann, Friedrich der Große dachte sich: Der Kammercembalist C.P.E, der der Sohn des großen Bach ist - lassen wir den alten Bach holen, man wird sehen, was am alten Bach d'ran ist. Damit würden Motivationen der unterschiedlichen Parteien am ehesten zueinanderpassen.

Die Episode, Bach besucht Friedrich, ist vorbei, und 3 Jahre später 1750 stirbt J.S.Bach, die Streitigkeiten am Hof unter Musikern, aber noch nicht. So bewirbt sich C.P.E.Bach sofort nach dem Tod seines Vaters um die vakante Kantorstelle in Leipzig. Dort zieht man jedoch Gottlob Harrer der Bewerbung vor. Dieser stirbt wiederum 1755 und C.P.E.Bach bewirbt sich nochmals in Leipzig um das Kantorat. Er wird sogar von seinem Patenonkel Georg Philip Telemann empfohlen und dennoch wieder abgelehnt. Es sieht so aus, man möchte die Bach Familie in Leipzig nicht wieder sehen. Doch danach gewährt der König Friedrich ihm wenigstens die Gleichstellung zu Nichelmann und C.P.E.Bach erhält auch 500 Taler Gehalt.

In der Zwischenzeit hatte Nichelmann ein Traktat verfasst mit Namen: Die Melodie nach ihrem Wesen sowohl, als nach ihren Eigenschaften. Im Vorwort erwähnt er einen Streit zwischen zwei Musikern, aus dem er sich genötigt sehe, Stellung zu beziehen.

Um was ging es dabei? Der Hof war in zwei Lager gespalten. Das eine Lager folgte den Ansichten Jean-Jacques Rousseau, der Ursprung einer Komposition beruhe nicht auf einem Fundamentalbass, andere traten für Jean-Philippe Rameau Überzeugung ein, der dem Fundamentalbass ein größeres Gewicht beimessen wollte. Rousseau contra Rameau, beide enden auf "au". Aus heutiger Sicht Nonsens, da beide Thesen für bestimmte Stilrichtungen richtig sind. Damals jedoch in den philosophischen Zirkeln, der Lieblingsbeschäftigung Friedrichs des Großen, ein gewichtiger Punkt.

Nicht lange nach dem Erscheinen des Traktats in gedruckter Form kam die Erwiderung des vorher nicht genannten Streitgegners, der nun anonymisiert als "Caspar Dünkelfeind" antwortet, auch in Druckform. Wer war dieser Herr Dünkelfeind? Da gibt es Spekulationen. Es könnte C.P.E.Bach gewesen sein, es könnte auch Christoph Gottlieb Schröter gewesen sein, man weiß es nicht. Jedenfalls, nicht lange danach quittierte Nichelmann seinen Dienst am Hofe und starb einige Jahre später verarmt. Ja, so war das am Ort ohne Sorgen ... Sanssouci.


Grüße
Klaus Schaaff

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14 Dez 2015 09:38 - 14 Dez 2015 09:40 #511 von Yo El Mismo
Hallo Klaus!

Auf der Grundlage seiner musikalischen Vorbildung nahm Johann Sebastian BACH (1685-1750) den jungen Christoph in die Reihen der Thomasschüler auf. Bach hatte seit 1723 die Position des Thomaskantors inne und betreute 54 Sänger, zu denen nunmehr auch Nichelmann gehörte.

Joshua Rifkins Studien zu Bach und seinem Werk ergaben, dass der damals 13-jährige Nichelmann der Sopran gewesen sein könnte, den JSB für seine Solo-Kantate „Jauchzet Gott in allen Landen“ vorgesehen hatte. Das spräche für eine außerordentlich Ausbildung und Qualität der Stimme dieses jungen Thomaners. Gerade BWV 51 als Knabensopran zu singen ist eine außerordentliche Leistung, für die heutigentags nur auserwählte Spitzensoprane in Frage kommen.



Gruß
Yo

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Letzte Änderung: 14 Dez 2015 09:40 von Yo El Mismo.

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14 Dez 2015 10:44 #512 von Klaus Schaaff
Hallo Yo,

Die Sopran Qualitäten des Christoph Nichelmanns waren mir neu, danke für die Info.

Was meinst Du zu der Merkwürdigkeit, Nichelmann tritt als 13-jähriger in die Thomasschule ein und geht 3 Jahre später als 16-jähriger nach Hamburg, um den französischen und italienischen Stil bei Reinhard Keiser, Georg Philipp Telemann und Johann Mattheson zu studieren. Welche Ursache kann das wohl haben, wenn man vorher beim Meister war ... merkwürdig. Später in Sanssouci liegt er mit C.P.E. Bach im Streit, lobt aber den Vater J.S. Bach für seine Kompositionskunst ... merkwürdig.

Mehr konnte ich dazu nicht finden, jetzt kommt von Dir noch eine Info dazu. Die ganze Geschichte erweckt bei mir den Eindruck, da war was, da war mehr...

Falls Nichelmann den Sopran gesungen hat, muss er in Leipzig ein kleiner Star gewesen sein. Das neben seinen Fähigkeiten als Cembalist. Soweit könnte man das Bild um die Geschichte erweitern.


Liebe Grüße
Klaus Schaaff

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