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Ohnmacht in der Komposition

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24 Jul 2016 16:55 #573 von Yo El Mismo
Liebe Bachfreunde!

Von Johannes Brahms ist bekannt, dass er sich über viele Jahre weigerte, eine Symphonie zu komponieren. Zu groß standen die neun Symphonien Ludwig van Beethovens wie eine unüberwindliche Wand vor ihm. Alles was ihm zu diesem Thema einfiel, erschien ihm – gemessen an Beethovens übergroßem Werk – zu gering. Erst mit 43 Jahren schaffte Brahms es, diese Angstblockade aufzulösen. Am 4.11.1876 konnte er seine 1. Symphonie in c-Moll zur Uraufführung bringen.

Brahms wurde schon zu Lebzeiten und wird bis heute gelegentlich als „legitimer Nachfolger Ludwig van Beethovens“ bezeichnet. Hans von Bülow bemerkte, die 1. Symphonie von Brahms sei „die Zehnte“ von Beethoven. Brahms soll auf die Bemerkung über Ähnlichkeiten geantwortet haben: „Jawohl, und noch merkwürdiger ist, dass das jeder Esel gleich hört.“

Die Musikwelt diskutierte damals, dass Beethoven mit der hohen Qualität seiner Symphonien nachfolgende Komponisten in eine langjährige Ohnmacht getrieben habe.

Etwas Ähnliches hörte ich über Johann Sebastian Bach. Die extrem hohe Qualität seiner Kompositionen für Orgel führte schon viel früher zu einer Ohnmacht bei nachfolgenden Komponisten. Erst Felix Mendelssohn überwand mit seinen Sechs Orgelsonaten op. 65
eine 100-jährige Ohnmacht der Orgelkomposition nach Bach. Die sechs Orgelsonaten op. 65 wurden 1845 veröffentlicht. Sie sind die Krönung von Mendelssohns Arbeiten für die Orgel. Wie Johann Sebastian Bachs Werke gehören sie zum Kernrepertoire der Orgelmusik.

Gruß
Yo

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25 Jul 2016 16:47 - 01 Aug 2016 18:06 #574 von Klaus Schaaff
Grüß Dich Yo,

was hältst Du von Johann Christian Heinrich Rinck (1770-1846). Nicht der Johann Ringk, der uns die Abschrift von Toccata und Fuge D-Moll beschert hat, sondern der Darmstädter, aber auch Schüler von Johann Christian Kittel, der noch Schüler von Johann Sebastian Bach gewesen war. Er galt als bester Organist in seiner Zeit und hat Unmengen für Orgel geschrieben.

Präludium in G:



der zumindest hatte keine Blockade. Nur denke ich, Du meintest etwas anderes mit Ohnmacht. Den grenzenlosen Respekt, dass man nie das erreichen kann, was Bach vorher schon in Stein gemeiselt hat.Das trifft auch sicherlich auf das Paar Brahms - Beethoven zu. Daher besteht ein inhärenter Zwang für jeden guten Musiker seinen eigenen Stil zu entwickeln und sich von seinen Vorbildern zu lösen.

Man muss bei Bach auch bedenken, dass der Übergang von Barock zur Klassik, siehe auch mein Beitrag:

www.jsba.ch/jsbach-forum/4-Mauerbl%C3%BCmchen/329-bachs-harmonik

sehr schnell verlief und daher Bach erstmal aus der Mode war. Mendelssohn und ein paar andere mussten Bach erst wieder entdecken.

Das Phänomen der Ohmachtsblockade bei Musikern hängt oft damit zusammen, dass sie gezwungen sind Neues, Unverwechselbares zu liefern. Der Musiker selbst hat aber immer Ideale denen er nacheifern möchte. Hört sich das Publikum etwas an, was ein anderer schon vorher besser gezeigt hat, wird man mit dem verglichen und schneidet schlecht ab. Alles in allem könnten wir uns auch in meinem Beitrag "Bachs Harmonik" treffen. Dort beschreibe ich unter anderem die Auswirkung musikalischer Evolution im Verhältnis zu Bachs Geltung in der Klassik - Dinner For One - the same procedure as every evolution ...


Liebe Grüße
Klaus Schaaff
Letzte Änderung: 01 Aug 2016 18:06 von Klaus Schaaff .

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