Forum

Mystik in Bachs geistlicher Musik

Mehr
22 Mai 2013 12:00 - 22 Mai 2013 13:07 #260 von Carola Moosbach
Im alten Forum hatte jemand nach Kantaten gefragt, "in denen sprachlich oder musikalisch die mystische Vereinigung zwischen Seele und Gott zum Ausdruck gebracht wird."

Mir fallen hierzu vor allem die Kantaten "Ich geh und suche mit Verlangen", BWV 49 und "Liebster Jesu, mein Verlangen", BWV 32 ein. In beiden Werken kommt es zu einem innigen Dialog zwischen der als "Braut" gedachten gläubigen Seele (vom Sopran gesungen) und dem als Bräutigam gedachten Jesus (vom Bass gesungen). Der protestantische frühe Pietismus des 18. Jahrhunderts knüpft hier an die mittelalterliche sogenannte Brautmystik an. Der Abt und Mystiker Bernhard von Clairvaux hatte das biblische Hohelied der Liebe auf das Verhältnis von Jesus zu seiner Kirche geistlich umgedeutet. Später wurde dann anstelle der Kirche die einzelne, nach Gott suchende Seele gesetzt. Und so kommt es dann zu Dialogen wie diesem hier aus BWV 49:

Bass:
Ich geh und suche mit Verlangen
Dich, meine Taube, schönste Braut.

Sopran:
Mein Bräutigam, ich falle dir zu Füßen.

Beide:
Komm Schönster/Schöne, komm und lass dich küssen.


Auch im Weihnachtsoratorium gibt es einige Anleihen an diese Art der sinnlich-erotischen Mystik, zum Beispiel in der wunderschönen Altarie "Bereite dich Zion".

So fremd uns das heute auch ist, im 18. Jahrhundert wurde es nicht als anstößig empfunden. Und wer konnte da schon ahnen, dass die Kantaten noch im 21. Jahrhundert gehört werden würden.

Eine gute Einführung in die von Bach verwandten religiösen Sprachbilder bietet übrigens das Bach-Textlexikon von Lucia Haselböck (Bärenreiter 2004).

Gruß, Carola
Letzte Änderung: 22 Mai 2013 13:07 von Carola Moosbach.
Folgende Benutzer bedankten sich: Yo El Mismo

Bitte Anmelden um der Konversation beizutreten.

Mehr
22 Jul 2013 09:06 #262 von Yo El Mismo
Hallo Carola!

Ich melde mich mal wieder, nachdem ich langwierige Probleme mit dem Login hatte, die heute behoben wurden. Zum Thema "Mystik" kann ich nicht viel sagen. Bach hat sich ja diverser Textdichter bedient und insbesondere mit Picander/Henrici in Leipzig, wo er die meisten Kantaten komponierte, einen "Außenstehenden" zur Mitarbeit herangezogen. Anders wäre die extrem schnelle Komposition ab 1723 von 3-4 kompletten Kantaten-Jahrgängen auch gar nicht zu schaffen gewesen. Sicherlich hat er seinem Text-Lieferanten gewisse Vorgaben gemacht, auf den exakten Wortlaut aber keinen großen Einfluß genommen.

Anders sieht es bei den Kantaten aus, die Bach vor seiner Leipziger Zeit komponierte. Hierauf will ich gerne in einem gesonderten Beitrag antworten; im Moment ist es mir einfach zu heiß. Mein Kopf verlangt nach Kühlung und verweigert größere geistige Anstrengungen.

Liebe Grüße
Yo

NULL

Bitte Anmelden um der Konversation beizutreten.

Ladezeit der Seite: 0.319 Sekunden

Suchen Sie Beiträge vor Februar 2012?

Diese finden Sie im «alten» Bach-Forum auf der früheren Version unserer Webseite unter www.jsba.ch/joomla15 . Hinweis: das Forum befindet sich im (schreibgeschützten) Lesemodus.

Zum Seitenanfang