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Stimmungsfragen

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02 Okt 2016 19:05 #601 von Christof Rimle
Christof Rimle antwortete auf das Thema: Stimmungsfragen

Klaus Schaaff schrieb: Es stimmt mich nachdenklich, obwohl Rudolf Lutz das (Werkseinführung) hervorragend macht, kommt es mir vor, er wolle mir erklären, wie eine Kantate funktioniert.

Rudolf Lutz zeigt doch interessante Zusammenhänge auf, macht auf gestalterische Elemente aufmerksam, erzählt, was ihn weshalb beeindruckt, animiert das Publikum zum aktiven Zuhören und Geniessen und manchmal sogar zum Mitsingen. 99% der Zuhörenden (auch ich) würden am Schluss einer Aufführung (ohne Werkeinführung) wohl ergriffen aus der Kirche gehen und denken "wow, war das grossartig". Aber wir wüssten nicht, warum wir das grossartig finden. Durch die Werkseinführung wird das Konzerterlebnis intensiver, weil man aufmerksamer ist und besser auf Feinheiten zu hören imstande ist.

In gewisser Weise kann/soll/darf man durchaus Musik erklären. Während meiner Organistenausbildung analysierten wir viele Werke und kamen so den Tricks der Komponisten auf die Schliche. Aha: schon wieder eine Quintfallsequenz! Eigentlich ganz einfach und effekthascherisch, aber wirkungsvoll. Die Leute lieben das.

Ich erinnere mich, dass mir schon in meiner Jugend bestimmte Harmonien und Harmonieverläufe aufgefallen sind. Und schon damals wollte ich wissen, was es denn genau ist, das diesem oder jenem Akkord eine ganz eigenartige Stimmung entlockt. Nehmen wir als einfaches Beispiel den Septakkord. Oder für Fortgeschrittene: den Neapolitaner. Wobei wir wieder bei Bachs Passacaglia wären.

Und gleich noch eine Jugenderinnerung: mein Vater besucht zusammen mit mir wieder einmal ein Orgelkonzert in irgendeiner Kirche in der Ostschweiz. Zum Schluss wird Toccata F-Dur BWV 540 gespielt. Ich glaube mich trifft der Schlag! Der Anfang ist ja noch einigermassen harmlos. Doch dann kommt ein atemberaubendes Pedalsolo, kurz darauf noch eines. Und dann geht's los: da moduliert Bach ostinatomässig durch sämtliche Tonarten hindurch. Meint man jedenfalls. Und als man glaubt, jetzt ist die Sache ausgestanden, setzt er noch einen obendrauf und es kommen ihm noch ein paar Tonarten in den Sinn, die er vorher ausgeallsen hatte. e . Glaube mir: ich wollte wissen, weshalb mir die Puste weggeblieben war. Wäre damals Rudolf Lutz neben mir gesessen und hätte es mir erklärt, mein beruflicher Werdegang wäre wohl anders verlaufen!

Viele Grüsse
Christof

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02 Okt 2016 23:00 - 02 Okt 2016 23:24 #602 von Klaus Schaaff
Klaus Schaaff antwortete auf das Thema: Stimmungsfragen
Hallo Christof,

Du hast viel geschrieben !

zu Deiner ersten Antwort:

Ich hatte die Geschichte aus Arnstadt so im Kopf, dass die Gemeinde nicht wegen den Choralvorspielen (Intonationen) sondern durch die Begleitsätze confundieret wurde. usw...


So habe ich das auch im Gedächtnis, konnte aber leider keine Noten finden, wie Bach begleitet hat. Frage an Dich, gibt es so was überhaupt? Harmonisch kühn ist ein treffender Ausdruck. Genau da habe ich mir überlegt, für heute oder damals? Kam aber zu dem Ergebnis, beides wäre zutreffend. Einem Jazzer geht das heute ins Ohr ohne Zahnweh. Für ein Gottesdienst Besucher heute, kommt drauf es an, in einer weißen Kirche oder in einer Gospelkirche, Stichwort Hörgewohnheiten. Für einen damaligen Gottesdienst war das jedenfalls ein NO GO. Wie Du schreibst, man erkennt die Gesangseinsätze nicht mehr.

Zu Deiner 2.Antwort:

Also ganz so eng sehe ich das Korsett jetzt nicht. usw...


Auch hier unterschreibe ich alles, wie Du es darstellst. Die Kantate hat eine sehr große Variationsbreite. Das enge Korsett, das ich nannte, bezog sich weniger auf musikalische und dramaturgische Inhalte, sondern wer da alles damals mitzureden (zu bestimmen) hatte, im Hinblick auf freie Kunst. Und, die Frage, wer macht da eigentlich die Musik - ein Problem, das es heute noch genauso bei Musiklabeln gibt, die bestimmen möchten, wie die Musik und das Image des Künstlers (Vermarktung) auszusehen hat. Das waren Aspekte, die mich nachdenklich stimmen, heute wie damals.

Zu Deiner 3.Antwort:

Rudolf Lutz zeigt doch interessante Zusammenhänge auf, macht auf gestalterische Elemente aufmerksam, erzählt, was ihn weshalb beeindruckt, animiert das Publikum zum aktiven Zuhören und Geniessen und manchmal sogar zum Mitsingen. usw...


Hier wird es Zeit, mich zu entschuldigen, dass ich es nicht genauer geschrieben habe. Deswegen nochmals, die Werkeinführung von Rudolf Lutz ist exzellent. Am meisten hat mich dabei der Orgelpunkt in D überrascht (am Anfang 3:45, wo er das Publikum zum Mitsingen auffordert - Matthäus Passion) und dann herrlich ... da macht Bach seine Zauberkiste auf. Auch Karl Graf gibt sehr informative Einblicke in die Hintergründe der Texte.

Doch, was blieb am Schluß bei mir? Nichts Gutes. Die Kantate ist eine Kunstgattung der religiösen Welt. Liedformen, unterbrochen von rein instrumentalen Sätzen, mit einem Ablauf, der eine Geschichte erzählen will, also Programmusik, für das Volk, die Gemeinde, die sich in Andacht hingeben soll. Was ist die Oper dagegen? Auch nichts anderes, Programmusik. Und, was ist ein Musical, ditto. Leider gibt es Fragen in der Welt, die ich Euch nicht aufbürden will, wie:

Was ist ein Vorstandsvorsitzender einer Hilfsorganisation wert, der sich ein Salär von hunderttausend Dollar im Jahr bezahlen lässt?

Was ist ein Arzt oder ein Psychotherapeut wert, der vom Leid anderer Menschen lebt?

Und, was ist ein Bach wert, der davon leben muss, für andere Musik zu schreiben?

Musik ist es nicht immer, aber manchmal ist es ein Almosen, ein Geschenk. Über das Almosengeben sagt Jesus: Habt acht auf eure Almosen, daß ihr die nicht gebet vor den Leuten, daß ihr von ihnen gesehen werdet; ihr habt anders keinen Lohn bei eurem Vater im Himmel.

Musik ist es nicht immer, aber manchmal ist es ein Gebet, etwas Heiliges. Über das Beten sagt Jesus: Wenn aber du betest, so gehe in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater im Verborgenen; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten öffentlich.

Fragen, die sehr seltsam sind und keine Antwort finden. Niemand von Euch sollte sich darüber wundern oder sich aufgefordert fühlen, das ist nur nachdenklich eben.

Deshalb erschien Dir meine Darstellung vielleicht als abwertend, was ich, wenn es Dir so erschien, sofort zurücknehmen will.

Meine Frage dabei war, was schreibt Bach, wenn er nicht für andere Ohren oder für ein enges Korsett schreibt, sondern nur für sich selbst? Hier meinte ich, eine Passacaglia, das Wohltemperierte, seine Klavierkonzerte auch seine Inventionen, also einen anderen Bach zu hören. Da, wo ein Bach niemand gerecht werden muss, da wo Bach betet. In dieser Aussage steckt aber zu viel schwarz-weiß denken, zu viele endgültige, feste Standpunkte, und das möchte ich mir bei Bach versagen, der sorgt nämlich immer wieder für Überraschungen. Überraschungen waren auch in einigen Aussagen von Dir Christof: Die Show-Wirkung sollte Bach bewusst gewesen sein - Gassenhauer komponieren - einem Komponisten auf die Schliche kommen. Da weiß ich mich in guten Händen bei Dir.


Liebe Grüße
Klaus Schaaff
Letzte Änderung: 02 Okt 2016 23:24 von Klaus Schaaff . Begründung: Korrektur

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01 Nov 2016 10:00 #622 von Christof Rimle
Christof Rimle antwortete auf das Thema: Stimmungsfragen
Am vergangenen Sonntag habe ich in meiner Kirchgemeinde das folgende Eingangsspiel gewagt:

Herr Jesu Christ, dich zu uns wend' - BWV 726
gefolgt von:
Herr Jesu Christ, dich zu uns wend' - BWV 749
gefolgt von:
Herr Jesu Christ, dich zu uns wend' - BWV ? (vierstimmiger Choralsatz)

Ich wurde nicht gelyncht :-) JSB mochte diese Melodie offenbar sehr, es gibt ausgesprochen viele Bearbeitungen davon. Zum Beispiel BWV 632, BWV 655, BWV 709.

Viele Grüsse
Christof

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