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Bach muss atmen, ein Experiment

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04 Nov 2015 01:30 - 06 Nov 2015 08:39 #439 von Klaus Schaaff
Klaus Schaaff erstellte das Thema Bach muss atmen, ein Experiment
Hallo Bachfreunde,


Bach muss atmen, ein Experiment

Dynamische Betonung bei der Interpretation von Musik ist das Thema, das Maß von laut und leise. Es ermöglicht uns unter anderem zu verstehen, aus welchen Abschnitten sich Musik zusammensetzt. Laut und leise ist eine der unzähligen Methoden der Musik, was sie lebendig und interessant machen kann. Neben der Notenposition, der Notenhöhe und der Tonlänge ist es der vierte Faktor der unser Ohr erreicht. Ich versuche mal die Ursachen für laut und leise zu kategorisieren:

  1. Schwerpunktdynamik: Natürliche Betonungen der Hauptzählzeiten und der Unterteilungen
  2. Melodische Dynamik: Legatobögen, Phrasierungsbögen in der Notation u. ä.
  3. Technische Dynamik: Fingersatz, Paradiddle, Bogenstrich bei Geige
  4. Schwungakzente: Siehe Walzer, Grooves
  5. Notationsdynamik: Crescendo, Decrescendo, Forte, Piano, u.ä.
  6. Schwelldynamik: Sinusförmiges An- und Abschwellen über mehrere Takte

Die ersten 5 dynamischen Ursachen kann sich jeder Musiker und auch der Laie gut vorstellen. Aber, was ist der 6.Punkt Schwelldynamik? Man hört es vor allem bei Streichern, wenn diese gemeinsam gespielte Töne erst langsam anschwellen lassen und beim Ausklingen wieder leiser werden. Dort gibt es dafür den Begriff "Atmen". Der Ton soll atmen, und um es nochmal einzugrenzen, es dreht sich nicht um Tonlängen innerhalb eines Taktes, sondern um taktübergreifende Längen, also über mehrere Takte. Das Atmen der Lunge ist ein periodischer Vorgang, der ständig vorhanden ist, aber auch nicht, da es als automatischer Vorgang nicht immer bewusst wahrgenommen wird.

Atmen der Musik beschränkt sich nicht nur auf Streicher, sondern ist bei jedem musikalischem Vortrag anzutreffen. Ich versuche das an einem Experiment mit Bach zu demonstrieren, an BWV 1004 Partita - Giga. Die Partita ist eigentlich für Solovioline, ich lasse es als Klavier klingen, Bach hat diese Stücke auch am Clavichord gespielt. Das Stück ist 4-geteilt. Der A-Teil und der B-Teil werden jeweils wiederholt. Man hört den A und den B-Teil zunächst mit den dynamischen Betonungen, mit den ersten 5 Möglichkeiten der Dynamik, siehe oben, bearbeitet. Die Wiederholungen enthalten dann zusätzlich Schwelldynamik (Atmen). Im unteren Fenster sieht man die Anschlagsdynamik der Noten, die dann wie eine Wellenform aussieht. Die Wellenform ist ein reiner Sinus berechnet aus den Teilen A-B ohne Schwelldynamik. A und B Teil sind jeweils 20 Takte lang. Eine Atemschwingung erstreckt sich über 4 Takte.





Es ist und bleibt eine Frage des persönlichen Geschmacks, wie dieses Atmen empfunden wird. Der eine möchte vieleicht eine Atemschwingung nicht über 4 Takte, sondern über 5, dem anderen ist die Stärke zu viel oder zu wenig.

Ich habe sehr oft bei Bach festgestellt, die seltenen Dynamikbezeichnungen (piano, forte), die Bach direkt in den Noten angibt, stimmen meist überein mit einer gedachten Schwelldynamik (Atmen). So glaube ich, dass Bach vielleicht beim Vortrag und der Komposition nach solchen Gesichtspunkten gearbeitet hat.


Grüße
Klaus Schaaff
Letzte Änderung: 06 Nov 2015 08:39 von Klaus Schaaff . Begründung: Korrektur

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