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Die Kunst der Fuge (KdF) BWV 1080

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01 Jan 2014 23:19 - 02 Jan 2014 13:07 #312 von Yo El Mismo
Yo El Mismo erstellte das Thema Die Kunst der Fuge (KdF) BWV 1080
Liebe Bachfreunde!

Ich sage voraus, daß sich in dieser Rubrik die Bach-Hardcore-Fans tummeln werden (und nur die). Denn – mal abgesehen von den sieben Kanons BWV 1072-1078 – haben wir es hier mit hochkünstlerischer und hochkomplexer Musik zu tun, die sich dem Bach-Neuling nur selten sofort erschließt. Wie man an der Aufstellung

1072 Kanon zu acht Stimmen "Trias Harmonica"
1073 Kanon zu vier Stimmen nebst Soggetto als Baßstimme
1074 Kanon zu vier Stimmen
1075 Kanon zu zwei Stimmen
1076 Kanon zu sechs Stimmen
1077 Kanon zu vier Stimmen nebst Soggetto als Baßstimme
1078 Kanon zu sieben Stimmen nebst Basso Ostinato-Stimme
1079 Musikalisches Opfer
1080 Die Kunst der Fuge


erkennt, reden wir heute mal über BWV 1080 Die Kunst der Fuge. Über das Musikalische Opfer haben wir uns ja schon in der Rubrik "Neue Medien - Mein Name ist Bach" ein wenig ausgetauscht.

Bach, der zu Lebzeiten auch mal gerne als der Fugenmeister tituliert wurde, erachtete – wir reden hier vom ausgehenden Barockzeitalter – die Technik des Fugensatzes unter Anwendung der kontrapunktischen Technik als die Musik der Meister und seine vollkommene Beherrschung am Clavier als meisterhaft. Da war es doch nur folgerichtig, daß er gegen Ende seines Lebens – sozusagen als sein musikalisches Erbe und „harte Nuß“ – den Koryphäen der Musikwelt noch einmal zeigen wollte „was möglicher Weise über ein Fugenthema gemacht werden könne“ (Nikolaus Forkel). Das hört sich harmlos an, ist es aber nicht. Bach hat wirklich sein ganzes Können und seine in höchste Höhen getriebene Kompositionskunst in diesem Werk zu Papier gebracht (Frühfassung von 1742) bzw. durch seinen Schüler und späteren Schwiegersohn Johann Christoph Altnikol 1748/49 bringen lassen. Er selber war aufgrund seiner zunehmenden Erblindung (heute nehmen wir an, daß er zuckerkrank war und am grauen Star gelitten hat) dazu nicht mehr in der Lage. Das war tragisch, denn Bach hat ganz sicher unter der mangelnden allgemeinen Anerkennung seiner Musik gelitten; in Fachkreisen war er sehr wohl bekannt und anerkannt. Den Erstdruck 1751 hat er leider nicht mehr erlebt.

Aber, die Kunst der Fuge ist bei Leibe keine Musik für die Massen. Ich will an dieser Stelle nicht auf die musikalischen Merkmale dieser Komposition eingehen. Das würde eindeutig den Rahmen sprengen und wäre im Rahmen dieses Forums auch gar nicht zu leisten. Außerdem wäre es für die meisten Mitglieder dieses Forums auch zu langweilig. Nur so viel: Alle Fugenarten, wie Einfache Fuge, Gegenfuge, Doppelfuge, Spiegelfuge, Kanon sowie deren herkömmliche Verarbeitungsformen wie Umkehrung, Vergrößerung (Augmentation) und Verkleinerung (Diminution), wurden meisterhaft zur Anwendung gebracht. Bach ließ nichts aus; sein gesamtes Können legte er in die Waagschale. Eine oder mehrere Kompositionsideen wie Überbindung, Punktierung, Triolen, intensive Chromatik, Sprungfiguren mit bevorzugten Intervallen, schnelle 16-tel Bewegung brachte er in den Fugen zum klingen. Damit ging Bach weit über die übliche Ausdrucksvielfalt der Fugen seiner Kollegen hinaus.

Für wen – außer als Demonstrationsobjekt seiner eigenen Größe und Vollkommenheit – hat Bach denn nun dieses Meisterwerk komponiert? Er hat sich immerhin jahrelang – mit vielen Pausen – damit beschäftigt. Wie fast immer hat er auch keine Angaben zu den einzusetzenden Instrumenten gemacht. Die KdF wurde zwar in polyphoner und damit Partiturform notiert, aber die meisten der vierzehn Fugen und vier Kanons sind vierstimmig; also für welches Instrument bzw. Instrumente? Üblicherweise kamen die damals sogenannten Claviere, ergo Tasteninstrumente in Frage. Klaviere, wie wir sie heute kennen (Fortepiano), gab es damals noch nicht. Also zweimanualige Cembali mit Pedal? Oder Orgel? Oder doch Orchester? Wir wissen es nicht. Knapp 200 Jahre lang galt die KdF als Klavierwerk – aber man führte es nicht auf, sondern es wurde lediglich zum Studium empfohlen. 1927 wurde das Werk erstmalig mit großem Orchester in der Thomaskirche Leipzig aufgeführt. Ich bin sicher, auch diese Interpretation hätte dem großen Meister gefallen. Denn sein erster Biograph Johann Nikolaus Forkel schrieb noch:
„Aber diese Bachische Kunst der Fuge war doch für die große Welt zu hoch; sie mußte sich in die kleine, mit sehr wenigen Kennern bevölkerte, Welt zurückziehen.“
Rund 200 Jahre später bekannte sein größter Fan, der geniale Glenn Gould:
„Ich halte die Kunst der Fuge für das Schönste, was es jemals in der Musik gegeben hat.“

Liebe Grüße
Yo

Letzte Änderung: 02 Jan 2014 13:07 von Yo El Mismo.

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03 Jan 2014 18:01 #313 von Yo El Mismo
Yo El Mismo antwortete auf das Thema: Die Kunst der Fuge (KdF) BWV 1080
Liebe Bachfreunde!

Hat euch die Kunst der Fuge, dargeboten durch Grigori Sokolov gefallen? Ich hätte euch auch ein paar Musikschnipsel von Koroliov oder Glenn Gould bieten können. Aber ich wollte die ganze Fuge mit allen ihren Glanzstücken. Für mich war es mal wieder ein Genuß erster Güte.

Liebe Grüße
Yo

Reihenfolge und Zeitplan der Aufnahme von Grigori Lipmanowitsch Sokolow

I 0:00 Contrapunctus 1
II 3:07 Contrapunctus 2
III 5:54 Contrapunctus 3
IV 8:28 Contrapunctus 4
V 11:52 Contrapunctus 5
VI 14:58 Contrapunctus 6 á 4 in Stylo Francese
VII 18:28 Contrapunctus 7 á 4 per Augment et Diminut
VIII 21:19 Contrapunctus 8 á 3
IX 28:05 Contrapunctus 9 á 4 alla Duodecima
X 30:41 Contrapunctus 10 á 4 alla Decima
XI 35:16 Contrapunctus 11 á 4
XIIa 43:05 Contrapunctus inversus a 4
XIIb 46:21 Contrapunctus inversus 12 á 4
XIIIa 49:31 Contrapunctus inversus a 3
XIIIb 52:00 Contrapunctus a 3
XIX 54:37 Fuga a 4 Soggetti
XIV 1:07:11 Canon per Augmentationem in Contrario Motu
XV 1:13:33 Canon alla Ottava
XVI 1:17:38 Canon alla Decima [in] Contrapunto alla Terza
XVII 1:22:37 Canon alla Duodecima in Contrapunto alla Quinta

“Obwohl Sokolow in den 70er und 80er Jahren in der damaligen Sowjetunion eine beeindruckende Karriere machte, durfte er nur selten zu Konzertauftritten ins Ausland reisen, was ihn im Westen nur langsam bekannt werden ließ.
Inzwischen hat Sokolow über 1000 Konzerte gegeben, die oftmals begeisterte Kritiken erhielten, darunter in der Carnegie Hall in New York und im Wiener Musikvereinssaal. Der zurückhaltend auftretende Künstler veröffentlichte Platteneinspielungen bei dem kleinen französischen Label Opus 111, das zu dem Independent-Label Naïve Records gehört. Darunter sind Werke von Bach, Beethoven, Brahms und Chopin.
Seine Programmzusammenstellungen erinnern an die große Zeit der russischen Virtuosenschule, die u. a. auf Anton Rubinstein zurückgeht. So scheut sich Sokolow keineswegs, einen Abend mit unbekannteren Barock-Kompositionen eines Froberger zu beginnen und bei Skrjabin zu enden.“
Quelle: Wikipedia

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05 Jan 2014 16:53 #314 von Christof Rimle
Christof Rimle antwortete auf das Thema: Die Kunst der Fuge (KdF) BWV 1080
Hallo yo

mit Deiner Analyse hast Du sicher recht. Diese "hochkünstlerische und hochkomplexe Musik" spricht wohl nicht die Massen an. Ich erinnere mich an meinen Orgellehrer, der anlässlich seiner Pensionierung ein Abschiedskonzert auf der Orgel der Stadtkirche Frauenfeld (TG) gab. Es war die komplette KdF und die Kirche war bis zum letzten Platz gefüllt! Allerdings beschlich mich während des Konzertes immer wieder das Gefühl, dass wohl nicht alle Anwesenden die Darbietung vorbehaltlos geniessen.

In diesem Zusammenhang interessiert mich die Frage, was denn generell an Fugen so speziell ist, dass sie auf mich (und vermutlich auch auf viele andere Menschen) eine derart besondere Wirkung haben. Ich bin ein ausgesprochener Fugenfan und bei kaum einem von mir musikalisch gestalteten Gottesdienst darf eine Fuge fehlen. Meistens setze ich sie an den Schluss, aber ich habe auch schon mehrmals das Experiment gewagt, zum Beginn des Gottesdienstes eine Fuge zu spielen.

Der Ansatz, die Stimmen ineinander zu verflechten und sie zeitversetzt ertönen zu lassen wirkt irgendwie kühn und folgt trotzdem strengen Regeln. Weniger geübte Musikliebhaber haben es vielleicht einfacher mit einer Fuge. Sie bekommen das Thema im Lauf des Stücks immer und immer wieder zu hören. Dies ist vielleicht eine Antwort auf die oben gestellte Frage, aber sicher nicht die einzige. Wie siehst Du das?

Es grüsst
Christof

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05 Aug 2014 15:26 #341 von Yo El Mismo
Yo El Mismo antwortete auf das Thema: Die Kunst der Fuge (KdF) BWV 1080
Liebe Bachfreunde!

Auch das ist BWV 1080 Die Kunst der Fuge. Was haltet ihr davon? Und um welchen Satz (siehe Auflistung in Beitrag # 313) handelt es sich?



Liebe Grüße
Yo

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05 Aug 2014 17:36 #342 von Christof Rimle
Christof Rimle antwortete auf das Thema: Die Kunst der Fuge (KdF) BWV 1080
Hallo Yo

hohes künstlerisches Niveau, gekonnte Darbietung. - Aber muss es deswegen auch gefallen? Mir gefällt es nicht! Diese hohen Stimmverläufe in schnellem Tempo haben etwas Trällerndes aber gleichzeitig auch etwas unerhört Nerviges. Es gibt andere Beiträge der Swingle Singers die mir durchaus gefallen. Dieser gehört nicht dazu.

Gruss
Christof

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07 Aug 2014 11:28 #343 von Yo El Mismo
Yo El Mismo antwortete auf das Thema: Die Kunst der Fuge (KdF) BWV 1080
Hallo Christof!

Wir beide haben ja, was Bach und seine Werke angeht, einen hohen Übereinstimmungsfaktor. Eine der wenigen Ausnahmen von der Regel sind die Bearbeitungen. Da bist du eher der Purist und ich freue mich immer aufs Neue, wenn junge Leute von heute einen noch nie dagewesenen Zugang zum Altmeister finden. Das fing für mich mal mit Django Reinhard, Ekseption und den Swingle Singers an. Jethro Tull (Ian Anderson), Emerson, Lake und Palmer kamen noch auf ganz andere Ideen. Jacques Loussier und Bobby McFerrin waren derart nahe am Original, daß sie beide heute als Professoren an Musikhochschulen arbeiten. So richtig was Neues aus dem 21. Jahrhundert zum Thema Bach hat sich noch nicht durchsetzen können, wenn man die Break Dance Performance der Flying Steps mal außer Acht lässt, weil sich in diesem Fall fast nichts an der Musik, sondern nur an der tänzerischen Darstellung, geändert hat:



Christof, wichtig ist doch nur die Liebe zu und das Befassen mit Bachs Musik. Und die Geschmäcker sind nun mal verschieden. Hauptsache Bach bleibt im Gespräch und damit auf ewig jung.

Forever young!
Yo

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