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Ungleiche Noten - Notes inegales

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22 Feb 2016 09:25 - 22 Feb 2016 09:53 #529 von Klaus Schaaff
Klaus Schaaff erstellte das Thema Ungleiche Noten - Notes inegales
Liebe Bachfreunde,

Ungleiche Noten - Notes inegales - ein Thema, wo jeder seine eigene Meinung dazu haben wird.

Leider unterliegt die Notation von Musik gewisser Unzulänglichkeiten. Der Gegensatz zu einer beschreibenden präzisen Sprache, die genau dem entspricht, was in einem reproduzierenden Prozess, dem Spielen nach Noten gleichkommen soll. Dieses entspricht nicht dem, das wir in wissenschaftlich exakten Disziplinen kennen. So ist in der Mathematik immer 2 + 2 = 4 und in der Physik kocht Wasser egal ob in London oder Tokio unter Wärmezufuhr immer nach der gleichen Zeit. Das sind verlässliche reproduzierbare Ergebnisse, woraus exakte Wissenschaften ihren Wahrheitsanspruch ableiten.

In der Musik ist das, Gott sei Dank, einerseits nicht so, andererseits wird man ständig mit der Frage konfrontiert, wie ist das, was dort in Noten steht, gemeint. Wie hat der Komponist sich das vorgestellt, wie soll das gespielt werden. Was wäre falsch und was richtig, liegt in einem sehr unscharfen Bereich, wo mehrere Interpretationen sinnvoll sein könnten.

Aus dieser Sicht entstehen ganze musikalische Strömungen der Interpretation, wie die heute historisch informierte Aufführungspraxis (HIP), wo man versucht mit Instrumenten alter Bauart, mit dem spärlichen Wissen aus beschreibenden Texten der damaligen Zeit herauszufinden, wie ein Musikstück im Barock tatsächlich gespielt wurde.

Die Ergebnisse davon, wie ein Orchester der Barockzeit geklungen haben könnte, sind erstaunlich zu hören und manchmal sogar ergreifend. Nichts desto trotz, hat sich mittlerweile diese Richtung im musikalischen Betrieb soweit etabliert, dass es für viele Musiker erstrebenswert erscheint, auch auf diesen Zug aufzuspringen. Deshalb sei gesagt, je mehr Musiker sich dieser Bewegung anschließen, umso weniger attraktiv, wird es für den Zuhörer. Musik verlangt in gewisser Weise das Neuartige, das Originelle, das Authentische des jeweiligen Abends. Musik verliert schnell ihren Reiz, wenn jeder Interpret ein Stück exakt gleich spielen würde.

Die ehrlichen Bemühungen, die heute viele Musiker machen, sich ernsthaft mit der Frage zu beschäftigen, wie hat Bach das gespielt, sind dennoch in jeder Hinsicht zu würdigen, können aber leider immer nur ein Versuch, eine Spekulation sein, dem nahe zu kommen was war.

Da gibt es welche, die auf "Hemiolen" in den Suiten schwören. Das sei nachweislich so damals gespielt worden und auch so überliefert. Da gibt es die "Notes inegales", die Marpurg beschreibt als eine Verschleifung der Akzente in Courantes und Sarabandes, auch Quantz berichtet davon und auch Couperin. Der französische Stil wurde extravagant vorgetragen, während der italienische leichter war und mehr Ornamentik (Manieren) bevorzugte.

Doch was nützt uns das, wenn wir es nicht hören können, wie es damals gespielt wurde. Was nützt uns das, wenn Bach einerseits in kleiner Gesellschaft einmal das gleiche Stück romantisierend und andererseits in großer Gesellschaft brillierend vorgetragen hat? Den Orchesterklang nehme ich davon aus. Durch die tatsächlich andere Bauart bestimmter Instrumente entsteht ein anderer Klang, das sei unbestritten.

Eine kleine Chance haben wir dennoch, zu hören, wie etwas wirklich um 1750 geklungen hat. Ein kleines Schmankerl zum Abschluss gibt es noch für Freunde der historisch informierten Aufführungspraxis. Es gibt tatsächlich Musik - nicht aus der Konserve - sondern echt aus dieser musikalischen Epoche.

Schon damals waren Spieluhren sehr gefragt und tatsächlich haben Komponisten wie Händel, C.P.E. Bach, später Haydn, Mozart und Beethoven im Auftrag für solche Instrumente geschrieben. Besonders interessant finde ich die Flötenuhren. 4 Stücke von C.P.E. Bach kann man sich unter:

de.wikipedia.org/wiki/Fl%C3%B6tenuhr

anhören. Man darf hier ruhigen Gewissens behaupten, die Musik wird so wiedergegeben, wie sie um 1750 gespielt wurde, natürlich von der Flötenuhr. Nicht ganz im Klaren bin ich mir, ob das alles Flötenuhren sind, da scheint auch so was wie eine Glasharfe darunter zu sein. Und, ob C.P.E. Bach in die Wiedergabe in irgendeiner Weise korrigierend eingegriffen hat, bei der Erstellung des Walzwerks, kann ich auch nicht sagen.


Viel Spaß
Klaus Schaaff
Letzte Änderung: 22 Feb 2016 09:53 von Klaus Schaaff . Begründung: Korrektur

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