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Vibrato

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21 Sep 2015 21:58 #419 von Klaus Schaaff
Klaus Schaaff antwortete auf das Thema: Vibrato
Lieber Christof,

keineswegs, natürlich würde ich Dir zuhören. Vielleicht ist da was falsch bei Dir angekommen. Ich freue mich, genauso wie Du, über ein einfaches C-Dur Präludium, das ein Schüler spielt und kann wohl relativieren, welche Erwartungen man haben darf.

Ich sollte nochmal erklären, an wen diese Kritik gerichtet war. Da gibt es große Namen in der Szene, Orchester wie auch Solisten, die uns vormachen, wie Bach interpretiert wird. Sicher wirst Du mir zustimmen, auch Dir werden Interpretationen untergekommen sein, mit denen Du total unzufrieden warst. Und dann die wenigen Momente, wo du dachtest, jetzt muss ich mich hinsetzen oder mit dem Auto rechts ranfahren. Im Extremfall kann das dazu führen, dass man Rotz und Wasser heult, do beist koi Maus kein Fade ab ...

Hier ein paar hautnahe Beispiele des musikalischen Erlebens für Dich:

Selbst meine Schwägerin (Kirchenchor), erzählte mit Entrüstung, welche Ausmaße das annehmen kann, wenn zwei altersschwache Damen mit ihrem Vibrato den Chor zu Fall bringen. Zitat: Die verderben einem den schönen Bach. Genau hier wäre es angebracht, der Chorleiter wurde klare Worte dafür finden, tut er aber nicht.

Auf anderer Ebene, nehmen wir eine Kantatenaufführung des Thomanerchors in Leipzig mit 4 Solisten. 3 davon singen der Sache angebracht. Der Tenor bricht aber total aus dem Rahmen mit Dauervibrato, vielleicht um seine Stimme mehr nach vorne zu bringen oder weil er es gar nicht mehr anders kann. Da muss der Dirigent sagen: Halt, das fügt sich nicht in das Gesamtbild ein. Und gerade das passiert nie, weil das Bewusstsein dafür anscheinend fehlt. Wie kommt es sonst, dass man genau das in YouTubes zu sehen bekommt?

Auch Schüler müssen korrigiert werden mit dem Hinweis: Wie wäre es, wenn Du das so spielst? Ist das besser? Alles im Rahmen der Möglichkeiten derjenigen, die gerade musizieren.

Vielleicht hast Du auch bemerkt, dass ich gar nichts gegen Vibrato habe, sofern es zielführend eingesetzt wird. Wie variabel Bach auf andere Instrumente übertragen werden kann, ohne Einbußen, unkaputtbar quasi, schreibst Du ja selbst, und das ist phänomenal.

Noch ein Beispiel aus den 70er Jahren. Mein Vater nahm mich als 5 jähriger zu Gesangswettbewerben seines Gesangvereins mit. Wenn bei den Vorproben, dem Einsingen, das Ave Maria (Schubert) kam und der Dirigent merkte, da sind ein paar dabei mit zu viel Vibrato, dann hieß es nur: Meine Herren, Vibrato zurück, so können wir nicht gewinnen!

Frage zurück: Ist das streng? Sei's d'rum ... das ist das Alltägliche, mit dem sich der Zuhörer herumschlägt, das ist der diplomatische Fallstrick eines jeden Dirigenten, das ist der Weg von uns allen ... nichts bleibt so wie es war, nicht einmal die wohl trainierte Stimme einer Sopranistin.

Das alles macht mich wundern. Merkt das keiner mehr? Darum geht es mir. Als junge Menschen verschreiben wir uns Idealen und versuchen als Musiker das Beste aus uns heraus zu holen. Wenn es diese Ideale nicht mehr geben soll, stirbt jeder Gedanke an Ästhetik.

Warum uns ein musikalischer Vortrag bis ins Innerste anspricht, sollte nicht an verschwommenen Beschreibungen wie Seele liegen, sondern es ist eine vielfältige Struktur, bei der sich der Interpret genauste Nuancen ausgedacht hat, die Wirkung auf den Zuhörer zu übertragen. Bach hat auch nichts anderes getan. Er hat seine eigene Musik so geschrieben und die Thomaner wohlwollend unterrichtet, mit der Absicht, aus ihnen gute Musiker zu machen. Dann war er auch ein weltoffener Mensch, der sich aller Neuerungen der Musik angeschaut und immer dabei gelernt hat.

Es gibt es sicherlich auch die Frage des Geschmacks. Den einen spricht das eher an und jemand anderes liebt da mehr Würze. Das soll so bleiben im Rahmen der Vielfalt und der Möglichkeiten in der Musik. Aber, es gibt auch falsche Noten, die absoluten "no goes". In wie weit solche Dinge passieren dürfen, darüber unterhalten wir uns gerade. Bach hat fleißig sein müssen, hat er auch streng sein müssen? Mit sich selbst bestimmt auch ...


Strenge Grüße
Klaus Schaaff

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22 Sep 2015 06:46 #420 von Yo El Mismo
Yo El Mismo antwortete auf das Thema: Vibrato
Hallo Christof!

Ich erinnere mich gut, auch an Statron und dem Argument seines Onkels über die Unkaputtbarkeit Bachscher Musik. Ist wohl schon ein dutzend Jahre oder mehr her (dein Übertragungsdatum vom Mai 09 gilt nicht). Mit Wehmut habe ich soeben auch noch einmal die guten Argumente von Hans gelesen. Sein Verlust macht mich immer noch traurig.

Dein Argument mit dem ersten zusammenhängenden Spiel von Kindern lasse ich nicht gelten. Wir reden nicht über Kinder sondern über die Welt hochbezahlter Künstler. Und wir reden über die Unsitte mancher Künstler alles und jedes mit Vibrato zu überziehen. In dieser Diskussion lasse ich das Argument gelten, daß der Sänger / die Sängerin sich mit ihrer Stimme gegen große, laute Orchester durchsetzen müssen. So zu sehen und zu hören beim Bach Orchester München unter Karl Richter. Welch ein Unterschied zu den neuen Aufführungen des Orchesters und der Sänger der J.S. Bach-Stiftung unter Rudolf Lutz, oder z.Zt. mein Favorit Collegium Vocale Gent unter Philippe Herreweghe.

Und ein weiteres Todschlagargument lasse ich auch nicht gelten: Daß jede Musik von Bach gut ist, ob gut oder schlecht interpretiert. Schließlich habe ich viel Geld für erstklassige Bach-Interpretationen ausgegeben, um mir den Luxus leisten zu können, Bach so zu hören wie er mir gefällt.

Gruß
Yo

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22 Sep 2015 11:42 #421 von Yo El Mismo
Yo El Mismo antwortete auf das Thema: Vibrato
Peace!



Fuge ab 1:59

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22 Sep 2015 13:35 #422 von Christof Rimle
Christof Rimle antwortete auf das Thema: Vibrato
Einverstanden, Ihr habt mich überzeugt! Mit den von Euch nachgereichten Ergänzungen kann ich Eure Meinung sehr gut stehen lassen bzw. unterstützen. Nicht zuletzt das Argument "Karl Richter" hat mir die Augen geöffnet. In meiner Jugend hörte ich oft Aufnahmen von Karl Richter. In der Schallplattensammlung meines Vaters gab es mehrere dieser LPs. Vorwiegend Orgelkonzerte, vorwiegend Händel. Aber ich fand das damals toll! Wenn ich mir die gleichen Aufnahmen heute im Youtube anhöre, sehe ich das (vorsichtig ausgedrückt) ein bisschen anders. Die St. Galler Bach-Stiftung unter Rudolf Lutz ist für mich derzeit das Mass aller Dinge.

Es grüsst friedvoll
Christof

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22 Sep 2015 13:44 #423 von Christof Rimle
Christof Rimle antwortete auf das Thema: Vibrato
Das weiter oben ist Helmut Walcha nicht wahr? Für meinen Geschmack spielt er die Fuge etwas gar schnell?! Mein Tempo ist eher das da:


Doch dazu sind wir hier eigentlich im falschen Forum...

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22 Sep 2015 16:47 #424 von Yo El Mismo
Yo El Mismo antwortete auf das Thema: Vibrato

Christof Rimle schrieb: Doch dazu sind wir hier eigentlich im falschen Forum...


Nur bedingt. Es bezieht sich auf deinen Beitrag etwas weiter oben, wo du die Fuge BWV 533 erwähnst. Und ich stellte sie hier ein, um die Wogen etwas zu glätten (pease!). Natürlich gespielt von dem Organisten, mit dem bei mir vor mehr als einem halben Jahrhundert alles in Sachen Bach begann: Helmut Walcha.

Gruß
Yo

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