Heutige Interpretationen Bachscher Musik

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17 Jul 2017 15:33 - 17 Jul 2017 16:12 #630 von Yo El Mismo
Heutige Interpretationen Bachscher Musik wurde erstellt von Yo El Mismo
Liebe Bachfreunde!

Johann Sebastian Bach hat es uns Freunden seiner Musik nicht leicht gemacht, weil er außer Noten und evtl. einer Angabe zur Geschwindigkeit (z.B. Andante, Presto) keinerlei Hinweise zur weiteren Ausführung des zu spielenden Stücks oder einzelner Sätze gegeben hat. Das ist das große Dilemma. Und so reichen die uns vorliegenden Aufnahmen Bachscher Stücke von einer romantischen Grundstimmung durch Karl Richter bis zu „historisch informierter“
Ausführungspraxis durch die heutigen Großen Dirigenten wie Philippe Herreweghe, Masaaki Suzuki oder Rudolf Lutz. Trotz dieser Differenzierung bleibt das Hauptproblem aber bestehen:
Niemand weiss, wie Bachs Musik zu Bachs Zeit wirklich geklungen hat.

Um zu erläutern, wo genau der Unterschied zwischen Noten und Aufführungspraxis liegen kann, habe ich zwei Große Interpreten zur Hilfe genommen:
Leonard Bernstein und
Glenn Gould:



Falls euch Lenny zu schnell spricht, könnt ihr ja die Textausgabe des gesprochenen Wortes am unteren Rand des Videos aktivieren; sie ist nicht fehlerfrei – aber sie hilft zu verstehen.

Liebe Grüße
Yo
Letzte Änderung: 17 Jul 2017 16:12 von Yo El Mismo. Begründung: Tippfehler

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18 Jul 2017 12:36 #631 von Christof Rimle
Christof Rimle antwortete auf Heutige Interpretationen Bachscher Musik
Hallo Yo

im Radio SRF2 gibt es eine wöchentliche Sendung «Diskothek». In der «Diskothek» reden zwei Fachleute (versierte Gäste mit guten Ohren) über Musik und ihre Interpretationen. Sie vergleichen im Blindtest verschiedene Aufnahmen eines Werks und exponieren sich mit ihren Urteilen. In mehreren Hörrunden wird die Auswahl immer kleiner, bis die «beste» Aufnahme übrigbleibt – Spiel und Hörschulung zugleich. Die Werke stammen aus allen Epochen der klassischen Musik, vom Mittelalter bis zur Gegenwart.

JSB und seine Werke sind natürlich auch hin und wieder Thema dieser Sendung. Zuletzt «J.S. Bach: Französische Suiten BWV 812-817» am 3. Juli 2017.

Ich habe mich schon gefragt, zu welchem Resultat diese Fachleute kämen, wenn sie blind eine Originalaufnahme aus dem Jahr 1730 (Solist Johann Sebastion Bach) beurteilen müssten. Würde die Aufnahme bereits in Runde 1 rausfliegen? «Zu langsam»? «Verstaubte Aufnahme»? «Sehr ungewöhnliche Interpretation»? «Nimmt sich zu viele Freiheiten und weicht zu sehr von der Partitur ab»? «Entspricht nicht der heutigen Aufführungspraxis»?.

Du schreibst selbst: Wir wissen es nicht. Und wir werden es nie wissen. Sich aber genau das vorzustellen, hat aber durchaus seinen Reiz. Vielleicht gehen unsere Überlegungen aber an der Problematik vorbei. Vielleicht gibt es keine genauen Anweisungen von JSB, weil er den Interpreten ganz bewusst grösstmögliche Freiheit lassen wollte. Und vielleicht hat er sich selbst diese Freiheit auch zugestanden und seine Werke immer wieder ganz unterschiedlich aufgeführt.

Meine Gottesdienstbesucher sagen immer, jeder Organist habe seinen eigenen Stil. Man erkenne sehr bald und zwar nur vom Hören, ob heute A oder B oder C Dienst habe. Und wenn eine Aushilfe da ist, sei man irritiert: «so hat es noch nie geklungen». Schön, ein solches Publikum zu haben! Solche Aussagen beweisen, dass die Leute gut zuhören und die Musik nicht einfach nur über sich ergehen lassen.

Trotzdem überrascht es mich jeweils ein bisschen, wenn man zu mir sagt, man habe gleich gemerkt, dass ich heute an der Orgel sitze. In meiner Selbsteinschätzung spiele ich ziemlich uneinheitlich. Manchmal bin ich gut und manchmal weniger gut drauf. Manchmal bin ich fröhlich und manchmal eher melancholisch. Manchmal findet der Gottesdienst bei strahlendem Sonnenschein und manchmal bei starkem Regen statt. Manchmal ist ein Gemeindemitglied ein paar Tage vor dem Gottesdienst gestorben und manchmal gibt es eine Taufe zu intonieren. Ich bin überzeugt, dass solche äusseren Umstände meine Art zu spielen deutlich beeinflussen. Das ist auch gut so, denn ich bin ja keine Maschine und kein CD-Player.

Um aufs Thema zurückzukommen: vielleicht ist die Frage nach der Interpretation Bachscher Musik müssig, denn vielleicht ging JSB mit dem Thema viel lockerer um als wir. Heute streben wir eine historische Aufführungspraxis an und versuchen, ein möglichst originales Höererlebnis zu erzielen. Falls wir die Lösung je erfahren werden, dann höchstens dereinst im Jenseits als Besucher des himmlischen, vom Meister persönlich bestrittenen Orgelzyklus. Wetten dass auch Louis Marchand heimlich im Publikum sitzen wird?

Viele Grüsse
Christof
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20 Jul 2017 16:10 #633 von Yo El Mismo
Yo El Mismo antwortete auf Heutige Interpretationen Bachscher Musik
Hallo Christof!

Louis Marchand hat mich ziemlich lange beschäftigt. Wie konnte es passieren, daß ein erstklassiger Komponist und Interpret, der zur Ersten Garde am Hof von Louis XIV. gehörte, noch nichts von der Wohltemperierten Stimmung gehört hatte? Oder war man vielleicht zu arrogant und hielt sich auch musikalisch für den Nabel der Welt? Vielleicht lag es auch nur daran, daß Werkmeister, Buxtehude und Bach aus damaliger französicher Sicht einfach zu weit von neuen musikalischen Entwicklungen entfernt lagen. Man kannte seinerzeit den Französichen Stil und den Italienischen Stil; alles Andere war uninteressant. Sei es wie es sei - hier kommt nun Louis Marchand und der Schreck seines Lebens. (Leider nur die Kurzfassung, ich besitze die 4-teilige Langfassung)



Liebe Grüße
Yo

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