Das Genie Johann Sebastian Bach

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08 Aug 2017 20:53 - 08 Aug 2017 20:57 #636 von Yo El Mismo
Das Genie Johann Sebastian Bach wurde erstellt von Yo El Mismo
Liebe Bachfreunde!

Es gibt ein Phänomen in der Musikgeschichte, daß wir heutigen Bach-Bewunderer nur schwer verstehen können. Wie kann es sein, dass Bach als größtes Genie der Musikgeschichte heute einen weltweiten Ruf allererster Güte hat, aber zu seinen Lebzeiten ein nur regional leidlich bekannter Kantor aus Leipzig war?

Deutschland oder ein Deutsches Reich gab es zu Bachs Zeiten noch nicht – was es gab, war ein loser Bund von kleinen und kleinsten König- und Fürstentümern, gemischt mit Herzogtümern und einigen Freien Großstädten (z.B. Freie und Hansestadt Hamburg). Beim Grenzübertritt von einem „Staat“ in den nächsten mussten Pässe vorgelegt und Zölle entrichtet werden. Wer in Leipzig bekannt war, war es noch lange nicht in Hamburg und erst recht nicht im „Soldatenstaat Preußen“. Da war Bach nur eine unbedeutende Größe. Einigen wenigen „Musikprofis“ waren einige wenige Musikstücke Bachs bekannt, gerieten aber mit seinem Tod 1750 weitestgehend in Vergessenheit.

Bachs unauffällige Karriere fand in den unwichtigen Außenbezirken eines losen Staatenbundes statt; Arnstadt, Mühlhausen, Weimar und Köthen waren unbedeutende Orte im deutschsprachigen Raum, Leipzig war immerhin als Messestadt bekannt. Bach selbst hatte nie in einer für Musiker und Komponisten bedeutenden Stadt gewirkt. Nicht einmal Leipzig hatte zu Bachs Lebzeiten eine Oper, die ihm den Weg zu überregionaler Berühmtheit hätte ebnen können. In dieser Hinsicht waren ihm Händel und etwas später Mozart und Beethoven meilenweit voraus.

Bachs musikalischer Stil half auch nicht gerade. Polyphonie, das raffinierte Verweben von zwei oder mehreren musikalischen Stimmen, wurde unmodern. Die neue Zeit des Empfindsamen Stils, von Bachs Söhnen favorisiert, fand bei Johann Sebastian keinen Zugang. Zeitgenossen empfanden den polyphonischen Stil als von exzessiver Gelehrtheit belastet und griffen ihn als alten Hut an, weil er nicht mehr zu den leichten, fröhlicheren Zeiten passte.

Bachs begrenzter Ruf als Musiker hatte wenig mit seinen Kompositionen zu tun. Lediglich neun seiner Werke wurden während seines Berufslebens veröffentlicht, darunter eine frühe Kantate anlässlich des jährlichen Ratswechsels in Mühlhausen, sechs Klavierstücke (Clavier-Übung), die Goldberg-Variationen und das Musikalische Opfer. Die beiden letzteren standen dem breiten Publikum nicht zur Verfügung, ebenso nicht die Brandenburgischen Konzerte. Die Kunst der Fuge wurde ein Jahr nach Bachs Tod veröffentlicht und war wegen zu wenig verkauften Exemplaren ein wirtschaftlicher Misserfolg.

Danach war weitestgehend Ruhe. Aber dieses tiefe Schweigen sollte nicht ewig andauern. Vier von Bachs Söhnen wurden Berufsmusiker, zwei von ihnen erlangten sogar eine gewisse Berühmtheit. Sie stellten mit der großen Anzahl von Bachs Privatschülern sicher, dass viele von Bachs Kompositionen erhalten blieben. Vier Jahrzehnte nach Bachs Tod hörte Mozart eine Bach-Motette in einer Leipziger Kirche und war begeistert. Überliefert ist sein Ausruf: „Das ist doch einmal etwas, woraus sich was lernen lässt!“ Beethoven, der als 12-jähriger zum ersten Mal in Wien Aufsehen erregte, weil er das Wohltemperierte Klavier spielte, nannte Bach den „Urvater der Harmonie“.

1802, 52 Jahre nach Bachs Tod, veröffentlichte Johann Nikolaus Forkel die erste Bachbiografie. Sie hatte weniger mit der längst fälligen Anerkennung Bachscher Werke zu tun, als mit dem zu der Zeit aufkommenden deutschen Nationalstolz. Dieser wurde durch die Französische Revolution und die Napoleonischen Kriege hervorgerufen. Forkel schrieb:

„Die Werke, die uns Joh. Seb. Bach hinterlassen hat, sind ein unschätzbares National-Erbgut, dem kein anderes Volk etwas entgegen setzen kann. Wer sie der Gefahr entreißt, durch fehlerhafte Abschriften entstellt zu werden, und so allmählich der Vergessenheit und dem Untergang entgegen zu gehen, errichtet dem Künstler ein unvergängliches Denkmal, und erwirbt sich ein Verdienst um das Vaterland.“

In diesem Ton geht der Text weiter, der nur so vor Patriotismus trieft und heute schwer zu ertragen ist. Aber er verfehlte seine Wirkung nicht; er verhalf Bach wieder zu Ansehen und Bekanntheit. In Forkels Werk sehen wir den Anfang der Vergöttlichung Bachs, als wäre er makellos, unbeschreiblich und ohne Konkurrenz in der Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft. Er hielt einen Heiligenschein über seine Perücke, der noch heute den Bachkult weltweit so einzigartig macht. Es gilt der Satz: Nicht alle glauben an Gott, aber alle glauben an Bach.[/b]

Es dauerte aber noch weitere 27 Jahre, bis die Bachrenaissance so richtig Fahrt aufgenommen hatte. Es war im Jahr 1829 in Berlin und der Protagonist war der 21-jährige Felix Mendelssohn, der eine historische Aufführung von Bachs Matthäuspassion organisierte und dirigierte. Die Aufführung war deutlich gekürzt und nahm insbesondere gebührend Rücksicht auf alle Textstellen, die den Antijudaismus hätten betreffen können. Obwohl Mendelssohns Familie zum Christentum konvertiert war, verwies er auf die Ironie, daß es einen jüdischen Musiker brauchte, um Deutschland seinen beeindruckendsten christlichen Musiker vorzustellen. Am Abend der berühmten Aufführung war die prächtige Berliner Singakademie ausverkauft und vor der Tür standen sage und schriebe mehr als tausend Leute, die keine Karte mehr bekommen hatten. Unter den dichtgedrängten Zuhörern befanden sich der Preußische König, der Kronprinz, der Dichter Heinrich Heine und der Philosoph Hegel. Mendelssohn dirigierte vom Klavier aus und aus dem Gedächtnis. Wenn es ein Bachsches Konzert gibt, daß sein Genie laut hinausposaunte und seinen Ruf zu der Zeit sichern half, dann war es dieses.

Liebe Grüße
Yo
Letzte Änderung: 08 Aug 2017 20:57 von Yo El Mismo.

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